Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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I

Georg Ehrlich, Novembertag (Hütteldorf). Wien, Privatbesitz. Aquarell.

die kurzen Vertikalen derBäume auf, staccato staccato über dem Bergrücken, schwingen die Böschungs-
linien noch wie gestrichene Geigensaiten. Das war noch der junge Strom, den Altdorfer zeichnete,
der ungebändigte, der den Atem noch anhalten kann und ihn dann wieder auspreßt mit Riesen-
gewalt, Altdorfers Donau dort in Oberösterreich. Das ist nicht unsere Donau hier bei Wien, hier in
Wien. Von der gab es zwar Darstellungen, seitdem es überhaupt topographische Aufnahmen der
Stadt gibt, aber der Strom war auf diesen immer der Stadt untergeordnet, eben nur der Strom, an
dem die Stadt liegt, über dem sich die Silhouette aufbaut. Haus an Haus, darüber Turm und Turm,
die Hügel dahinter. Gelegentlich war es auch der strategisch wichtige Strom unter dem Leopoldsberg,
wo Karl V. auf seinem Zug nach Österreich gegen die Türken sein Heerlager aufschlug (kolorierter
Holzschnitt 1532, M. Ostendorfer). Erst seit dem Ende des XIX. Jahrhunderts wird der Strom um
seiner selbst willen dargestellt, aber doch nur mit eindrucksvollem Motiv, zu Füßen eines Berges,
den Kirche oder Burg krönen (lithographische Folgen von Jakob Alt). Und auch im Wienerwald
sind es immer nur bedeutsame Punkte, die festgehalten werden, Hügelwellen um ein vertrautes
Dorf oder Schloß; auf den Lithographien Schwinds »Die Landpartie auf den Kahlenberg« ist natürlich
die Gesellschaft darauf viel wichtiger als der Berg und Aussicht (ebenso bei J. B. Ciarots Litho-
graphien vom Leopoldsberg nach F. von Zellenberg). Erst Waldmüller malt die Stimmung des
Wienerwaldes, das feuchte Erdreich auf dem Hang, locker die Birkenstämme, unregelmäßige
Stümpfe, um die Blumen und Beeren stehen, über das niedere Gewächs und zwischen den schim-
mernden Stämmen durch geht der Blick in die Ferne. Wenn Waldmüller (oder Rudolf Alt) die
Praterlandschaft malt, so ist es fast immer ohne Staffage; die alten Riesenbäume genügen ihm und
seinem Publikum als Motiv. Für die Stimmung des Wienerwaldes braucht er noch die Menschen

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