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Von Lithographie und Steindruck.

Unter den Künsten graphischer Vervielfältigung verdient die Lithographie einen
Ehrenplatz. Sie ist ein selbständiges Kunstmittel, das sich einer grösseren
Freiheit in der malerischen und zeichnerischen Wirkung erfreut, als die anderen Ver-
fahren vervielfältigender Zeichnung. Zudem hat sie den Vorteil einer grösseren Leichtig-
keit in der Handhabung voraus. Selbst wo sie sich begnügt, das Werk eines anderen
zu wiederholen, zu reproduzieren, verfügt sie über den eigenen Reiz, den ihr die saftige
Wirkung ihrer Töne leiht, über einen malerischen Effekt, den die Kupferstecher nur
mühsam und die Radierer nur mit Zuhilfenahme unsicherer Druckwirkungen zu erzielen
vermögen. — So schreibt Dr. Richard Graul auf S. 40 des 17. Jahrganges der in Wien
im Verlage der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst erscheinenden Gesellschafts-
Publikation »Graphische Künste«, und kennzeichnet damit in wenigen Worten trefflich
Wesen und Wert der von Alois Senefelder vor jetzt hundert Jahren erfundenen litho-
graphischen Kunst, die heute leider bei weitem nicht mehr in so ausgedehnter Weise
der Kunst im engeren Sinne dient, als in den ersten vier Decennien unseres Jahrhunderts.
Graul schreibt letzteres der Leichtigkeit der Steinzeichnung zu, welche es auch Minder-
berufenen und Talentlosen ermöglichte, sich derselben zu bedienen; da ihre Arbeiten
nur geringwertige und handwerksmässige sein konnten, so führte dies zu einer Unter-
schätzung der Lithographie, die man eine Zeitlang kaum noch als zur Wiedergabe wirk-
licher Kunstwerke geeignet hielt, ihr womöglich nur noch kommerzielle Arbeiten zu-
weisend. Als dann noch die Photographie und in ihrer Folge die photomechanischen
Reproduktionsverfahren erfunden wurden, da konnte es scheinen, als solle die so schöne
Erfindung Senefelders nur noch dem alltäglichen Bedarf, dem Handwerksmässigen dienen,
und wenn auch einzelne Anstalten, namentlich in Paris, wo sie von jeher treffliche Pflege
gefunden, sich ihrer bedienten zur Herstellung wertvoller Kunstblätter, teils in Schwarz,
teils in Farben, so arbeiteten diese nur für wenige Kunstsinnige und Kunstverständige;
sie war aus der Mode gekommen im grossen Publikum, dessen Beachtung ihr namentlich
auch die billigen Photographien mit entzogen hatten.
Seit einigen Jahren scheint es indes, als solle ihr wieder sowohl in der selbständig
schaffenden, als auch in der reproduzierenden Kunst die verdiente Stelle angewiesen
 
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