Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

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humanisten und künstler

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er selbst Bauten20. Die literarischen Wissenschaften und
bildenden Künste wurden gleichermaßen als Artes libera-
les verstanden oder — so auch Ghiberti21 - miteinander
verglichen22. Diese Annäherung hatte sich in Italien
längst vorbereitet23. In England, Frankreich und Anjou-
Neapel rückte der Architekt schon im hohen Mittelalter
in die Nähe des Wissenschaftlers und Ritters24. Alberti
forderte dann, daß die Architekten ihr Fach ähnlich stu-
dierten wie die Wissenschaftler. Die Forderung, „ut litte-
ras sit", geht auf Vitruv zurück, auch wenn der etwas
anderes darunter verstand25. Filarete setzt wiederholt die
Geschichte der Architektur - ihre Blüte in der Antike,
Untergang im Mittelalter und Renaissance zu seiner Zeit
- in Parallele zur entsprechenden Entwicklung der Litera-
tur^. Daran knüpften noch Spätere an27.

Im Kreis der Humanisten läßt sich schon im
14. Jahrhundert eine Intensivierung des Studiums der an-
tiken Architektur beobachten28. Boccaccio will, daß der
ideale Dichter die großen Monumente der Antike gesehen
hat29. Petrarca und der paduanische Gelehrte Giovanni
Dondi, der zu Petrarcas Freundeskreis gehörte und
1368-1383 in Florenz lehrte, besaßen Vitruvmanu-
skripte30. Dondi proklamierte in dem berühmten Brief an
Fra Guglielmo da Cremona die Überlegenheit der antiken

20 Alberti Ed. Grayson III, 7. Krautheimer 1970, 318ss.

21 Ghiberti 1912, 105.

22 H. Weisinger, Renaissance theories of the revival of the fine arts.
In: Italien XX, 1943, 164ss. L.H. Heydenreich, La „ripresa"
critica di rappresentazioni medioevali delle „Septem artes liberales"
nel Rinascimento. In: Atti de! V Convegno interna^, di Studi sul
Rinascimento (1956). Florenz 1958, 265-274. C. Gilbert, The
archbishop on the painters of Florence, 1450. In: The Art Bulletin
XU, 1959, 75-87. Panofsky 1960, 16 s. Allerdings ist Niccoli in
einer Invektive eine generelle Verachtung von Künstlern vorge-
worfen worden. Tanturli 1980, 130. Aurispa spricht von Ghiberti
nur als „Laurentio isti sculptori". Krautheimer 1970, 312.

23 P. Booz, Der Baumeister der Gotik. München/Berlin 1956, 10.

24 M. Warnke, Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Archi-
tektur nach den Schriftquellen. Frankfurt 1976, 128-145.

25 Vitruv I 1 (3, 4). Grundmann, 16.

26 Ed. 1972, 220, 229, 382. Ed. Spencer, p. XXXVI. Vgl. Tigler, 33.
Zur Periodisierung der Literaturgeschichte in der Renaissance vgl.
T. Gelzer, Die Rezeption der antiken Literatur. „Renascentes
litterae" in der Neuzeit. In: Antike und europäische Welt. Aspekte der
Auseinandersetzung mit der Antike. Bern/Frankfurt/New York 1984,
60 s.

27 Serlio IV (1537) Vorwort, 5.

28 Müntz 1882, Lanciani 1894, 1-25. Weiss 1969, 30-58. Krautheimer
1970, 294-297. Vgl. Schmitt 1974.

29 G. Boccaccio, Genealogiae deorum gentium libri XIV 7. Ed. V.
Romano, Opere ... Bari 1951 II, 700.

30 L. Chiovenda, Die Zeichnungen Petrarcas. In: Archivum Romani-
cum I, 1933, 1-61. V. Lazzarini, I libri, gli argenti, le vesti di
Giovanni Dondi dell'Orologio. In: Bollettino del Museo Civico di
Padova I, 1925, 27. Ciapponi, 88-93.

Kunst und Architektur31. Petrarca nahm von den antiken
Ruinen in Rom noch wenig wahr; er träumte von den
historischen Ereignissen32. „In den Büchern", schrieb er,
„findest du Namen, aber in der ganzen Stadt findest du
entweder garnichts oder nur geringe Reste all der Werke
wieder ... Wenn Augustus, der alle anderen überragt,
nichts als seine Bauten hinterlassen hätte, wäre sein Ruhm
schon längst verblaßt"33.

Dondi erlebte das antike Rom bereits beträchtlich rea-
ler in seinen Ruinen34. Er vermaß die Monumente, nahm
ihre Inschriften auf und notierte die wesentlichen Ele-
mente mancher Bauten. Ein musterhaftes Beispiel für den
neuen „Realismus", der die Betrachtungsweise Dondis
auszeichnet, bildet seine Beschreibung des Pantheons35.

In seiner Abhandlung über das Kolosseum geht Dondi
sogar über die Aufzählung der einzelnen Teile und Maße
hinaus. Er versucht, einen zusammenhängenden Über-
blick über die gesamte Struktur des Baus zu vermitteln:
„Wie eine Untersuchung lehren kann, folgten im Kolos-
seum von außen nach innen zehn Ordnungen oder Kreise
von Pfeilern, und in jeder Ordnung oder jedem Kreis
waren achtzig, also insgesamt waren achthundert Pfeiler;
alle bestanden aus großen quadratischen Steinen, die sorg-
fältig bearbeitet und zusammengefügt waren. Im äußeren
Kreis waren drei Ordnungen von Arkaden übereinander;
von dort stieg man in der zweiten, dritten und vierten
Ordnung im Innern über Treppen zur Erde herab wie in
der Arena von Verona"36.

Nur an den vier Haupteingängen des Kolosseums fol-
gen wirklich ähnlich viele Pfeiler von außen nach innen
wie Dondi angibt. Die fehlerhafte Übertragung dieser
Disposition auf sämtliche achtzig Achsen des Baus mag

31 J. Morelli, Operette. Ed. G. A. Moschini, Venedig 1820 II, 294ss.
Prince d'Essling/E. Müntz, Petrarque. Paris 1902, 45. Krauthei-
mer 1970, 295 ss. Panofsky 1960, 209.

32 Valentini/Zucchetti IV, 1-10.

33 „Quae in libris invenies uomina, quaere urbem totam aut nihil
invenies, aut perexigua tantorum operum vestigia ... Certe Augu-
stus omnium supremus, nisi aliud quam aedificia reliquisset, iam-
pridem omnis eius gloria corruisset". De remediis utriusque for-
tunae, lib. 1, dial. 118.

34 Valentini/Zucchetti IV, 65-73.

35 Op.cit., 69.

36 „In Coliseo, sicut potest manifestum esse consideranti, fuerunt
decem ordines sive circuli pilastrorum, procedendo ab extra ad
intus, et fuerunt in quolibet ordine sive circulo octuoginta, quare
in summa fuerunt pilastri 800, omnes de saxis magnis quadratis et
magno ingenio laboratis et compositis; fuerunt autem in exteriori
circulo tres ordines areuum, unus supra alium, et similiter in
secundo et tercio et quarto ordine ab inde processerunt minuendo
et descendendo versus terram ad interius, ad modum arenae Vero-
nensis cum gradibus." Op.cit., 72.
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