Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

Page: 13
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/guenther1988b/0017
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
I. Vorgeschichte und Überblick

Spannung zwischen der Suche nach Gesetzmäßigkeiten und nüchterner Bestandsaufnahme in den frühen Antikenstudien (13) • Humanisten
und Künstler (14) • Antikenstudien seit der Rückkehr der Kurie nach Rom: Alberti (22) • Unterschiede der Studien von Bauten
und Bildwerken (24) • Antikenaufnahme und Bauplan (24) ■ Giuliano da Sangallos frühe Antikenstudien (27) • Francesco di Giorgio
(29) • Realismus in Vedute und Architekturzeichnung (37) • Cronaca (42) • Gian Cristoforo Romano (43) • Das Pontifikat Julius' II.
und Bramante (45) • Der Kanon der Säulenordnungen in der Hochrenaissance (51) • Das Pontifikat Leos X. (56) ■ Giuliano da Sangallo
und die Intensivierung der Antikenstudien 1513/15 (58) • Riniero da Pisa (59) • Raffaels Romplan (60) • Antikenstudien unter Kle-
mens VII. und Paul III. (63) • Serlio (64) • Labacco, Vignola, Palladio (64).

In weiten Bereichen des mittelalterlichen Lebens und
Geisteslebens blieb das Erbe der Antike ein bestimmender
Faktor. Die Rezeption antiker Motive bildet ein geläufi-
ges Element der mittelalterlichen Architektur Italiens1.
Das Studium der römischen Bauten ist schon im Hoch-
mittelalter belegt. Um die gleiche Zeit, als in den Werk-
stätten der Cosmaten und Pisaner Bildhauer ein neues
Interesse an der Antike erwachte, besuchte der wohl aus
England stammende Magister Gregorius Rom. Seine Be-
schreibung der Stadt behandelt die antiken Werke; die
christlichen Heiligtümer erwähnt sie nur am Rande2. Den
größten Teil eines Tages hat Gregorius allein damit ver-
bracht, die Diokletiansthermen zu erforschen, und den-

1 H. Bloch, Monte Cassino, Byzantium and the West in the earlier
Middle Ages. In: Dumbarton Oaks Papers III, 1946, 163-224. E. W.
Anthony, Early florentine architecture and decoration. Cambridge
1927, 14-17 und passim. W. Paatz, Die Hauptströmungen in der
florentiner Baukunst des frühen und hohen Mittelalters und ihr
geschichtlicher Hintergrund. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen
Institutes in Floren^ VI, 1940, 33-72. A. Haseloff, Die Bauten der
Hohenstaufen in Unteritalien I. Leipzig 1920, 37-40. C. Shearer,
The Renaissance of architecture in southern Italy. Cambridge 1935. M.
Cordaro, II problema delle origini dell'architettura federiciana.
Studio bibliografico. In: Federico II e l' Arte del Duecento Italiano.
Atti della III Settimana di Studi di Storia dell'Arte Medievale dell'Uni-
versitä di Roma 1978. Galatina 1980 I, 121-138. K. Noehles, Die
Kunst der Cosmaten und die Idee der Renovatio Romae. In:
Festschrift Werner Hager. Recklinghausen 1966, 17-37. P.C. Claus-
sen, Früher Künstlerstolz. Mittelalterliche Signaturen als Quelle
der Kunstsoziologie. In: Bauwerk und Bildwerk im Hochmittelalter.
Gießen 1981, 7-35. H. Wenzel, Antiken-Imitation des 12. und
13. Jahrhunderts in Italien. In: Zeitschrift für Kunstwissenschaft IX,
1955, 29-72. W. Paatz, Renaissance oder Renovatio? Ein Problem
der Begriffsbildung in der Kunst des Mittelalters. In: Beiträge ^ur
Kunst des Mittelalters. Vorträge der ersten deutschen Kunsthistorikerta-
gung 1948. Berlin 1950, 16-26.

2 Valentini/Zucchetti III, 137-167.

noch, sagt er, reichte ihm die Zeit nicht aus, um alles zu
sehen3. Er kopierte Inschriften und nahm gelegentlich
Maße. Selbstbewußt stellt er heraus, die Länge des Pan-
theons „habe ich selbst gemessen"4. Um die Höhe der
Säulen in den Diokletiansthermen zu prüfen, hat er ver-
sucht, einen Stein zum Kapitell hinaufzuwerfen, und no-
tiert, daß es ihm nicht gelang.

Die neue Rückbesinnung auf die Antike am Anfang des
15. Jahrhunderts zeichnet sich zunächst nicht unbedingt
durch größere Annäherung an römische Vorbilder aus,
sondern durch die Wahrnehmung der eigenen Distanz zu
ihnen5. Sie war beständig begleitet vom Raisonieren über
das Phänomen selbst. Die Rezeption wurde zu einem
intellektuellen Vorgang. Das Studium der antiken Archi-
tektur äußert sich in theoretischen Abhandlungen wie in
den Werken der Künstler. Es umfaßt die Untersuchung
der römischen Ruinen wie die Auseinandersetzung mit
Vitruv.

Im Mittelalter waren die antiken Ruinen hauptsächlich
als historische Zeugnisse interessant6. Sie belegten die
Herrlichkeit des römischen Imperiums. In diesem Sinn
führt sie noch Gianfrancesco Poggio Bracciolini in seinem
Traktat „De varietate fortunae" an7. Filarete beruft sich

3 „Hoc autem tarn spaciosae magnitudinis est, quod illud in maiori
parte diei exaete per totum visere non potui. Ubi tantae altitudinis
columpnas repperi, quod nemo lapillum usque ad capitale potest
proicere". Op.cit., 155. Zu Italienreisen mit Antikenstudien wäh-
rend des Hochmittelalters vgl. Adhemar, 90-111.

4 „Huius domus latitudinem ipse mensus sum, habetque spacium
CCLXVI pedes in latitudine". Valentini/Zucchetti III, 159.

5 Panofsky 1960, 113.

6 Heckscher, Rehm.

7 Voigt II, Iis.
loading ...