Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

Page: 165
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V. Bernardo della Volpaia und der Codex Coner

Zeichnungen Bernardos (165) • Die Persönlichkeit Bernardos und die Uhrenbauer-Familie della Volpaia (167) ■ Technische Zeichnungen
der Frührenaissance (171) • Bernardo und der Sangallo-Kreis (172) • Einheitliche Anlage des Codex Coner (173) • Aufteilung des Codex
Coner (177) • Die Säulenordnungen im Codex Coner (179) • Der tuskische Stil (183) • Datierung des Codex Coner (199) • Historische
Stellung des Codex Coner als Sammlung der Antikenstudien Giuliano da Sangallos für Leo X. (199).

T. Buddensieg hat Bernardo della Volpaia „entdeckt"1.
Er hat ihm den Codex Coner2 zugeschrieben und daran
drei eigenhändige Zeichnungen angeschlossen. Er hat
auf eine Kopie aufmerksam gemacht, die Bernardo als
Autor ihrer Vorlage ausdrücklich nennt.

Die Darstellungen des Serapeums am Quirinal auf UA
3966 (Abb. 1), des Gebälkes vom Dioskurentempel auf
UA 1181 (Abb. 3) und der Grundriß der Cancelleria auf
UA 987, der einzige der aus dem frühen 16. Jahrhundert
bekannt ist, stehen in engem Zusammenhang mit dem
Codex Coner3: dort kehren das Serapeum wie das Gebälk
formal ähnlich und mit übereinstimmenden Kotierungen
sowie ein Aufriß der Cancelleria wieder4 (Abb. 2, 4). Der
grafische Stil und die Schreibweise von Kotierungen und
Legenden beweisen, daß die Uffizienzeichnungen von der
gleichen Hand wie der Codex Coner stammen. Antonio
da Sangallo hat den Autor von zwei der Blätter bezeich-
net. Auf UA 1181 notiert er „Bernardo", auf UA 987
bemerkt er „questo disegno e di mano del Golpa^o ed e misurato
dove a braccia e dove a palmi ed e fatto /also aposto, non stanno
bene le misure".

Der vollständige und richtige Name des Autors er-
scheint in der Legende zum Aufriß des Marcellustheaters
im Codex Strozzi, den wir bereits im Zusammenhang mit
Cronaca besprochen haben5 (Abb. II 5). Dort heißt es:
„queste misure sono levate di mano di Bernardo della Golpaia e
quelle de He chornice avemo da Simone del Polaiuolo". Im Codex
Coner kehrt der Aufriß des Marcellustheaters wieder0
(Abb. II 24). Zunächst fallen freilich weniger Gemeinsam-

1 Buddensieg 1975.

2 Ashby 1904 und 1913.

3 Buddensieg 1975, 90 ss., Abb. 1, 7, 8 (mit ungenauer Transkription
der Legende von UA 987). Bartoli, fig. 380, 602.

4 Ashby 1904, Nr. 64, 85, 51.

5 UA 1602. Buddensieg 1975, Abb. 6. Bartoli, fig. 129-130.

6 Ashby 1904, Nr. 42.

/. Bernardo della Volpaia, Serapeum am Quirinal, Frontispi^. UA 3966

keiten mit dem Codex Strozzi als grundlegende Unter-
schiede zu ihm auf. Die prosaische Nüchternheit des Ko-
pisten, der noch in der Nachfolge Cronacas verharrt7, hat
wenig gemein mit Bernardos delikatem Stil; die beiden
Skizzenbücher teilen den florentiner Braccio in unter-
schiedlicher Weise. Während Bernardo 60 Minuti an-
nimmt, gebraucht der Kopist nach Cronacas Vorbild
durchgehend 20 Soldi ä 12 Denari. Es ist daher von
vornherein nicht zu erwarten, daß die Aufrisse des Mar-
cellustheaters übereinstimmend kotiert sind, und sie sind

7 Vgl. Kap. II.
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