Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

Page: 203
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VI. Riniero Neruccio da Pisa und der Kreis von Bauaufnahmen
um den „Italiener C" und Sebastiano Serlio

Zeichnungen antiker Architektur um 1510/20 außerhalb des Sangallo-Kreises (203) • Zeichnungen des „Italieners C" (203) • Zeichnungen
des „Italieners X" (205) • Serlios Darstellungen und der Kasseler Codex (205) • Kopien (206) ■ Gemeinsamkeiten des Kreises von
Bauaufnahmen (216) ■ Architekturtheoretische Ansätze (220) ■ Portale (220) • Ionisches Kapitell (221) • Das antike Fußmaß
(225) • Maßteilung (230) • Unterschiede zwischen den Zeichnungsgruppen (231) • Rekonstruktion des Titusbogens (233) • Serlio und
der Kreis von Bauaufnahmen (234) • Riniero und der Kreis von Bauaufnahmen (237) • Verbindung der Studien Rinieros und Gian
Cristoforo Romanos (239) • Identifizierung des „Italieners C" mit Riniero (239) • Historische Stellung des Kreises von Bauaufnahmen
(240).

Die Vorstellungen von der Architekturzeichnung der
Hochrenaissance sind weitgehend durch den Sangallo-
Kreis geprägt. Giulianos und Antonios Zeichnungen um-
fassen zusammen den gesamten Zeitraum von den letzten
Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts bis zur Mitte des
16. Jahrhunderts.

Die Anzahl der Zeichnungen antiker Architektur
außerhalb des Sangallo-Kreises, die bisher in den Zeit-
raum um 1510/20 eingeordnet werden, ist nicht sehr groß,
und manche von diesen Datierungen sind noch fragwür-
dig: die Zuschreibungen solcher Zeichnungen in den Uf-
fizien an Bramante und Fra Giocondo, die Ferri und
Bartoli vorgenommen haben1, lassen sich kaum aufrecht-
halten, und damit entfällt auch das Argument für ihre
Datierung. Die Zeichnungen, die Egger, unter dem Pseu-
donym „Italiener B" zusammengefaßt, ins erste Jahrzehnt
des 16. Jahrhunderts datiert hat, haben sich als Kopien
nach Serlios drittem Buch (1540) erwiesen2.

Das Mellon-Sketchbook3 gehört sicher nicht direkt
zum Sangallo-Kreis. Es ist 1513 datiert. Aber die Darstel-
lungen moderner Architektur weisen darauf, daß es
hauptsächlich um 1520 zusammengestellt worden ist. Als
Autor sind Domenico Antonio de Chiarellis (O. H. För-
ster, R. Wittkower), Domenico da Varignana (K. Oberhu-
ber, C. L. Frommel) und im Unterschied zu diesen beiden
Bolognesen ein anonymer Venezianer (W. Lötz, S. Storz)

namhaft gemacht worden4. Der häufige Gebrauch des
Palmo als Maßeinheit spricht für eine Entstehung im
römischen Umkreis. Das Skizzenbuch stellt zahlreiche
antike Bauten dar, einschließlich großer Anlagen, wie die
Thermen und das Kolosseum. Es setzt Antikenstudien
von einem ähnlichen Umfang wie der Codex Coner vor-
aus. Allerdings sind sie wahrscheinlich nicht so eigenstän-
dig ausgeführt worden. Die durchgehend relativ flüchti-
gen, manchmal sogar ziemlich groben Zeichnungen des
Mellon-Sketchbook erwecken eher den Eindruck, daß
sie nach fremden Vorlagen kopiert sind, wobei vielleicht
teilweise die Kotierung umgerechnet worden ist. An den
Codex Coner erinnert die Auswahl der Bauten, die aufge-
nommen sind, an den Codex Barberini des Giuliano da
Sangallo die dekorative Art der Zusammenstellung von
Architekturgliedern. Auch wenn das Mellon-Sketchbook
in der Auswahl der modernen Architektur den Einfluß
Raffaels zeigt, so ist es, was die Antikenstudien betrifft,
wohl zu einem beträchtlichen Teil vom Vorbild des San-
gallo-Kreises geprägt.

Egger hat unter den Architekturzeichnungen der Al-
bertina die Reste eines Skizzenbuches bekannt gemacht,
das 1519 datiert ist (Anh. IV A). Den anonymen Zeichner
nannte er „Italiener C". Die Gruppe fand trotz des festen
Datums zunächst wenig Beachtung. Erst Buddensieg
machte auf ihre besonderen Qualitäten aufmerksam5. Um
das ehemalige Wiener Skizzenbuch lassen sich nun meh-
rere weitere Skizzenbücher oder Reste von solchen und

1 Einleitung, Anm. 5.

2 Egger 1903,13 Nr. 23, 118, 283. Günther (Porticus Pompeji), 389.

3 H. Nachod, A recently discovered architectural sketchbook. In:
Rare Books VIII 1, 1955, 1-11.

4 Frommel 1973 II, 5s., 16, 6 Anm. 41. Metternich 1972, Fig. 33,
71-73, 121s., 125, 118. S. Storz, in: Frommel/Ray/Tafuri, 422s.

5 Buddensieg 1968, 65-68.
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