Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

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iv. gian cristoforo romano

Ansehen erworben. Sabba da Castiglione beklagt seinen
frühen Tod (1512)5.

Der Vater des Gian Cristoforo Romano, Isaia da Pisa6,
ist einer der führenden Vertreter der aufkommenden Re-
naissance in Rom und gehört wie Paolo Romano, mit
dem er zusammenarbeitete, zu dem Kreis von Künstlern,
die den unmittelbar von der Antike inspirierten Klassizis-
mus der römischen Plastik und Architektur nach der
Mitte des 15. Jahrhunderts heraufgeführt haben7. Nach
Vasari wurde Gian Cristoforo in der Werkstatt Paolo
Romanos ausgebildet8. Das ist chronologisch schwer
möglich, weil Paolo schon 1470/72 gestorben ist. Jeden-
falls ist Gian Cristoforo aus diesem Kreis oder seiner
Nachfolge hervorgegangen.

1491, als Isabella d'Este das Portrait begehrte, befand
sich Gian Cristoforo Romano bereits im Dienst des Her-
zogs von Mailand. Er stand in engem Kontakt mit dem
Hof und betätigte sich zeitweise anscheinend recht inten-
siv als Gesellschafter der Herzogin9. Nach Abschluß der
Arbeiten am Schrein des Galeazzo Visconti (1497) trat
Gian Cristoforo in den Dienst der Isabella d'Este. Von
Mantua aus reiste er nach Venedig. Am 19. Februar 1502
teilte er seiner Gönnerin die Ankunft in Venedig mit10.
Am 28. September des folgenden Jahres empfing Isabella
d'Este Bericht, daß Gian Cristoforo den eben in Venedig
eingetroffenen „Adoranten", den jetzt die Staatliche Anti-
kensammlung in Berlin bewahrt, besichtigte und bereits
in Rhodos gesehen habe11.

1505 nahm Gian Cristoforo Romano endgültig Ab-
schied von Norditalien. Noch am 12. Juli des Jahres hatte

5 „mio Giovan Cristoforo Romano, il quäle oltra le altre virtü e
massimamente la musica fu al suo tempo scultore cccellente e
famoso e molto delicato e diligente ... e sc nun che nella etä sua
piü fiorita fu allalito d'incurabile infermitä, forse tra Ii due primi
(Donatello und Michelangelo) stato sarebbe il terzo". Sabba da
Castiglione, Ricordi ovvero ammaestramenti. Venedig 1554, 51 r
(Ricordo 109).

6 Gian Cristoforo Romano wird in Dokumenten als „filius quondam
magistri Isaye pisani" und ähnlich genannt. Norris, 14.

7 Pope-Hennessy 1958, 77, 80, 334.

8 Vasari Milanesi II, 650.

9 „si etiam per obedire la Ill.ma Madonna duchessa de Bari, in
servitii de la cui Rx.tia e stato occupato in compagnia con Ii altri
cantori mo in uno loco mo in altro, come e anchora di presente
ad Genoa con epsa" (über Gian Cristoforo Romano). Brief des
Marchesino Stanga an Isabella d'Este vom 18. X. 1491. Venturi
1888, 54 Anm. 3.

10 Mantua, Arch. Gonzaga, Busta 1440, 67 r. Venturi 1888, 108
Anm. 4.

11 Brief des Lorenzo da Pavia an Isabella d'Este vom 28. IX. 1503.
Mantua, Arch. Gonzaga, Busta 1440, 296 r. M. Perry, A greek
bronze in Renaissance Venice. In: The Burlington Magazine, CXVII,
1975, 204-211. Zur Antikensammlung der Isabella d'Este vgl.
Brown 1976.

ihn Isabella d'Este mit der Anfertigung des Grabes der
Seligen Osianna beauftragt, er bemühte sich sogleich um
die Beschaffung von Stein für den Schrein, und am
17. September legte er seinen Entwurf vor12. Aber bereits
vorher, am 30. Juli, teilte er seiner Gönnerin die Absicht
mit, nach Rom zu gehen, weil der Papst nach ihm verlangt
habe13. Am 1. Dezember 1505 war Gian Cristoforo in
Rom angekommen14.

Am 1. Juni 1506 wird Gian Cristoforo Romano in Rom
erwähnt15. Kurz darauf trat er verschiedene Reisen an.
Im August traf er den seinerzeit als „l'unico Aretino"
berühmten Schriftsteller Bernardo Accolti in Fossom-
brone16. Am 15. September war er wieder in Rom17. Dann
reiste er nach Urbino, wo ihn Baldassare Castiglione im
„Cortegiano" als Mitglied des gebildeten Kreises am Hof
zu Wort kommen läßt18. Im folgenden Jahr hielt er sich
in Neapel auf, um eine Medaille der Isabella von Aragon
zu fertigen (Rückkehr am 24. Oktober 1507)19.

Mit welchem Ziel Julius II. Gian Cristoforo Romano
berufen hat, ist nicht bekannt. Es wird berichtet, daß
Gian Cristoforo eine Medaille des Papstes angefertigt
hat20; aber nicht die Gründungsmedaille von St. Peter,
wie man beim Zeitpunkt der Übersiedlung nach Rom
denken könnte (sie stammt von Caradosso). Für zwei
weitere, weniger bedeutende Medaillen wurde er am
15. November 1509 entlohnt; die Zuschreibung der Grün-
dungsmedaille des Cortile del Belvedere an ihn hat man

12 Briefe der Isabella d'Este vom 12. VII. und 27. IX. 1505 an Gian
Cristoforo Romano, des Fra Francesco da Ferrara an Isabella
d'Este vom 29. VII. und 15. IX. 1505, des Gian Cristoforo Romano
an Isabella d'Este vom 30. VII., 9. VIII., 14. VIII., 17. IX. 1505.
Mantua, Arch. Gonzaga, Copialettere der Isabella d'Este, lib. 18,
21 r, lib. 19, 35v-36r, Busta 1636. Venturi 1888, 113 Anm. 3-4,
114 Anm. 3-4, 115, 116 Anm. 1-2. Norris, 309 Nr. 45.

13 „la mia andata di Roma quäle me bisogna a celerare per esser io
stato richiesto dala Santita del papa". Brief des Gian Cristoforo
Romano an Isabella d'Este vom 30. VII. 1505. Mantua, Arch. Gon-
zaga, Busta 1636. Venturi 1888, 113 Anm. 4.

14 Brief des Gian Cristoforo Romano an Isabella d'Este vom
1. XII. 1505. Mantua, Arch. Gonzaga, Busta 856. Venturi 1888,
148 Anm. 1.

15 Vgl. Anm. 29.

16 Briefe der lsabella d'Est an Accolti und Gian Cristoforo Romano
vom 3. und 5. VIII. 1506. Mantua, Arch. Gonzaga, Busta 2994,
Copialettere der lsabella d'Este, lib. 19, 30r-v, 34r. Venturi 1888,
150 Anm. 4, 151.

17 Er empfängt eine Bezahlung für Medaillen, vgl. Anm. 20.

18 B. Castiglione, // libro del cortegiano. In: C. Cordie, Opere di B.
Castiglione, G. della Casa, B. Cellini. Mailand/ Neapel 1960, 83 s.

19 Briefe des Giacomo d'Atri vom 24. X. 1507 und des Ludovico
Bragnolo vom 1. XI. 1509 an Isabella d'Este. Mantua, Arch. Gon-
zaga, Busta 808 und 858. Venturi 1888, 151 Anm. 2, 118 Anm. 1.

20 Brief des Giac. d'Atri vom 24. X. 1507 (Anm. 18). Weiss 1965,
172ss., Taf.31 a, b, e (zwei Versionen).
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