Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

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vi. riniero neruccio da pisa

(Taf. 65a-b). Das Projekt kann nicht sicher datiert wer-
den; aber 1518 schickte die Bauhütte ein Modell Sansovi-
nos nach Rom170. 1531 zeichnete der „Italiener C" für
Antonio da Sangallo, in welchen Abschnitten die neue
Fundamentierung des Kuppelraumes durchgeführt wer-
den sollte171 (Taf. 66a-b). Auf dieser Grundlage hat An-
tonio das Volumen des benötigten Baumaterials berech-
net. Die Rechnungsbücher der Bauhütte belegen, daß
Riniero an der neuen Fundamentierung beteiligt war172.

Auch eine zweite Gruppe von Bauplänen, die wir dem
„Italiener C" zuschreiben (Anh. IV F; Taf. 62-64), läßt
sich mit der Person des Riniero Neruccio in Verbindung
bringen, wenn auch nicht so mühelos wie die Pläne für
Loreto. Es handelt sich um vier Entwürfe in der Alber-
tina, die allem Anschein nach für S. Giovanni dei Fiorenti-
ni bestimmt waren. Sie zeigen keine direkten Beziehungen
zu den vier Meistern, die Vasari als Teilnehmer an der
Konkurrenz von 1519 aufführt, und sie orientieren sich
auch noch so direkt an Giuliano da Sangallos Formen-
schatz und der frühen Planung von St. Peter wie man
es keinem dieser jüngeren Architekten zutrauen würde.
Trotz ihrer Kotierung kann man vielleicht nicht ganz
die Möglichkeit ausschließen, daß die Zeichnungen mehr
theoretische Studien im Umfeld der Planung von S. Gio-
vanni dei Fiorentini bilden. Aber es ist auch möglich, daß
sich mehr Architekten an der Konkurrenz beteiligt haben,
als Vasari aufführt (Anh. IV F, Anm. 12). Eine solche
Annahme erscheint vor dem Hintergrund von Vasaris
Bericht über die Konkurrenz zur Fassade von S. Lorenzo
in Florenz (1516) durchaus sinnvoll173. Vasari erwähnt
als Teilnehmer dabei Michelangelo, Raffael, Antonio da
Sangallo, Jacopo und Andrea Sansovino. Giuliano da
Sangallo läßt er dagegen aus, obwohl von diesem eine
Serie prachtvoller Pläne erhalten ist, die sich auch noch
in Vasaris Besitz befunden haben174. Neben dieser Serie
sind nur noch die Pläne Michelangelos bekannt, der sich
durchsetzen konnte.

170 „anchora F. V dati ... quando portö il modello a Roma di Mo.
Andrea". I. I. 1519. Zahlung an Ms. Fabritio. Arch. Stor. S. Casa,
Libro di Entrata ed Uscita dei Tesoriere C 1518-1520, 8v. Weil-
Garris, 42, Dok. 1250.

171 Anh. IV G (UA 1379-1380).

172 Gianuizzi, Ms. II, 306, 318, 335. Weil-Garris 1977, Dok. 545-586.
Für Hinweise danke ich dem Archivar des Arch. Stor. S. Casa,
P. F. Grimaldi.

173 Vasari Milanesi VII, 188.

174 Paatz VI, 527 ss. Marchini 1943, 69-76, 100 s. Degenhart 1955,
103 ss. R. Pommer, Drawings for the facade of S. Lorenzo by Giuliano
da Sangallo. Diss. New York 1957. Ackerman 1964/66 Kat.-Bd.,
3-4. Weil-Garris 1974, 326s., 336s. Tafuri, in: Frommel/Ray/Ta-
furi, 165-170.

Wenn man unter den bedeutenden Meistern der Zeit
nach einem weiteren möglichen Teilnehmer an der Kon-
kurrenz für S. Giovanni dei Fiorentini sucht, dem man die
Orientierung an Giuliano da Sangallos architektonischem
Formenschatz und der frühen Planung von St. Peter zu-
trauen möchte, stößt man am ehesten auf Andrea Sanso-
vino, der an der Konkurrenz für S. Lorenzo teilnahm. Er
war ungefähr gleichaltrig mit Giuliano und hat mehrfach
mit ihm zusammengearbeitet. Aus den laurentanischen
Rechnungsbüchern geht hervor, daß Riniero Neruccio
Anfang des Jahres 1519 an der Ausführung eines „mo-
dello" für Sansovino beteiligt war. Der Lohn wurde aber
nicht von der Bauhütte getragen, sondern im Gegenteil,
die für das Modell aufgewandte Zeit vom Monatslohn
abgezogen175. Das Modell war also nicht für Loreto be-
stimmt. Vielleicht bilden die Wiener Pläne also ein Modell
bzw. die Modelle Andrea Sansovinos für S. Giovanni dei
Fiorentini.

Einer der Wiener Pläne für S. Giovanni dei Fiorentini
(Taf. 64) zeigt eine mit Loreto verbundene Besonderheit.
Die massiven Kuppelpfeiler sind nicht direkt vom Proto-
typ abgeleitet, den Bramante in St. Peter prägte, sondern
aus der Verbindung von drei kleinen Pfeilern. Durch eine
vergleichbare Bündelung der alten Pfeiler wollte Antonio
da Sangallo die Vierung von Loreto verstärken.

Vielleicht hatte Riniero eine gehobenere Stellung als
Serlio bei den Antikenstudien. Aber auch er wird sie
kaum geleitet haben.

Die Antikenstudien, die Riniero und Serlio (sowie der
„Italiener X") überliefern, datieren in den gleichen Zeit-
raum wie diejenigen, die der Codex Coner wiedergibt.
Davon zeugt die Darstellung des Cortile dei Belvedere
im Codex Coner und im Kasseler Codex bzw. in Serlios
drittem Buch, die den gleichen Stand der Bauarbeiten am
unteren Hof zeigen (ca. 1513/15)176 (Taf. 120a; Abb. V
9). Der Hauptteil der Vermessungen wurde jeweils 1515
abgeschlossen, weil Riniero da Pisa wie Giuliano da San-
gallo in diesem Jahr Rom verließ. In kleinem Umfang
wurden die Studien aber in den nächsten Jahren indivi-
duell fortgesetzt: Francesco da Sangallos Zeichnung der
Diokletiansthermen nach der Vermessung, die noch sein

175 „A Riniero da Pisa scarpellino per suo servito per tucto di 22 di
lebraro passato scomputandoli Ii giorni che lavorö nel modello di
m.o Andrea". 15. III. 1519. Arch. Stor. S. Casa, Libro di Entrata
ed Uscita dei Tesoriere C 1518-1520, 15 r. Weil-Garris 1977, 42,
Dok. 1253.

176 Anh. III 8; VI 22v; VII 19.
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