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Akademische Mitteilungen für die Studierenden der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg: Winter-Halbjahr 1897/98 — Heidelberg, 1897-1898

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1897/98

Heidelbergek Aicademische Mitteilungen

Nr. 13

Eiiiige Beinerkungen zur Entdeckung des
Prolessors Dr. S. Selienk.

Yon Dr. Eduard v. Seligson, wirkl. Staatsrat in Moskau.

In letzter Zeit wird die von Professor Schenk in Wien
gemachte Entdeckung in vielen Zeitungen verschieden kom-
mentiert und kritisiert. Da ich mich sclion seit vielen Jahren
mit diesem Gegenstand beschäftigt und vor zwei Jahren eine
grössere Arbeit unter dem Titel: „Willkürliche Zeugung von
Mädchen oder Knaben“ (München, bei Seitz & Schauer) ver-
öffentlicht habe, so mag es mir wohl gestattet sein, auch
meine Ansicht über die von Professor Schenk gemachte Ent-
deckung auszusprechen, und glaube ich micli um so eher
dazu berechtigt, da ich bis zur Veröffentlichung der eben
genannten Abhandlung über ein Material von 149 Familien
mit 541 Kindern verfügte, und die Auzahl der ietzteren nach
Veröffentlichung meiner Arbeit über 1000 gestiegen ist, die
einen um so grösseren Wert haben, da .der weitaus grössere
Teil der mir zugestellten Zustimmungen und Danksagungen
von Aerzten herrühren.

Zwar versteht es sich von selbst, dass eine knappe
Zeitungsnotiz niemand das Kecht giebt, ein schliessliches
Urteil über den Wert einer Entdeckung zu fällen, allein da
aus diesen spärlichen Notizen schon hervorgeht, dass Pro-
fessor Schenk von dem Grundsatz ausgeht, dass 1. im Mutter-
leibe ein jedes Individium zuerst ein Zwitter sei, und 2. das
zukünftige Geschlecht des Neugeborenen einzig und allein
durch den Ernährungszustand der Eltern bedingt werde, so
glaube ich, diese beiden Annahmen entschieden widerlegen
zu können.

Trotz der Autorität eines Johannes Müller, Funke,
Waldeyer u. a. ist die Annahme, salle Embryonen seien
geschlechtlicli vollkommen indifl'erent und nicht von ihrer
ersten Anlage an zum männlichen oder weiblichen Geschlecht
prädestiniert“, als falsch zu betrachten. Man war nämlich
zu dieser Ansicht durch den Umstand gelangt, dass man bei
einem acht Wochen alten menschlichen Embryo nicht imstande
war, das männliche von dem weiblichen Geschlechte zu unter-
scheiden und nur der Unzulänglichkeit unserer Untersuchungs-
behelfe ist es zuzuschreiben, wenn man nicht schon in einem
viel früheren Stadium der Entwicklung das Geschlecht der
Embryonen erkennen konnte. Gegen diese Annahme haben
sich unter anderen folgende Autoritäten ausgesprochen:
1. B. Schulze: Wahrscheinlich sind bereits im Eierstock
die Bedingungen zur Entwicklung des einen oder des anderen
Geschlechts gegeben. 2. Schöder giebt zu, dass das Ge-
schlecht im nicht befruchteten Ei präformiert sei. 3. Ahl-
feld: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Ei bereits vor der
Befruchtung seine Geschlechtsbestimmung besitzt, ist grösser
als die, dass erst mit der Befruchtung ihm ein Geschlecht
zuerteilt wird. Es giebt nämlich männliche und weibliche
Eier im Eierstock. Sicher steht fest, dass nicht erst in der
ersten Zeit der Entwicklung sich das Geschlecht bestimmt.
4. Virchow: Das eine scheint mir sicher, dass schon das
weibliche Ei ganz bestimmte Geschlechtsanlage in sich birgt;
ein Einfluss auf die Entstehung des Gesclilechtes müsste
daher meiner Meinung nach schon in die Zeit der Entstehung
des weiblichen Eies fallen.

Als sicherster Beweis aber, dass der menschliche Embrvo
bis zur acliten Woche nicht hermaphroditisch ist, dient die
von Nagel gemachte Entdecluing. Man braucht nach ihm
nicht erst zu warten, bis der Embryo etwa 20 cm gross ist,
sondern sehon bei Embryonen von 18—22 mm Länge kann
man unzweifelhaft den Geschlechtsunterschied konstatieren.

Es lässt sich daher mit einer an Gewissheit grenzenden
Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Embryonen von Hause
aus getrennten Geschlechtes sind und eine Trennung der
Geschlechter nicht erst während der Schwangerschaft statt-
findet. Wenn man annehmen wollte, dass das Geschlecht
des Ivindes erst im Verlaufe der Schwangerschaft ausgebildet

werde, so müsste dem Vater jeder geschlechtsbestimmende
Einfluss abgesprochen werden und es liesse sich ja alsdann
gar nicht erklären, wie Frauen, die mit ihren Männern nur
Knaben zeugten, mit einem anderen Manne dagegen Mäd-
chen gebaren, oder Witwen, welche mit dem ersten Manne
nur Mädchen, mit dem zweiten Manne auch Knaben zur
Welt brachten.

Wenn nun aus dem Gesagten hervorgeht, dass in der
ersten Zeit der Entwickelung der menschliche Embryo nicht
Zwitter ist, sondern das Geschlecht desselben bereits im
Keime präformiert ist, so muss auch die zweite Annahme
Professor Schenks fallen, nach welcher der Ernährungszu-
stand der Eltern auf die Entwickelung des Geschlechtes be-
stimmend sei. Alles im lebenden Körper ist ganz
bestimmten Gesetzen untenvorfen und nichts
darf dem Zufall zugeschrieben werden, denn das,
was wir Zufall zu nennen pflegen, ist weiter nichts als unsere
völlige Unkenntnis der Umstände und des Zusammenhanges.

In meiner erwähnten Abhandlung liabe ich auf Grund
eines grossen wissenschaftlich gesammelten Materials, wie
ich glaube, unzweifelhaft nachgewiesen, dass weder das Alter
der Eltern noch deren Ernähmngszustand, ebenso wie viele
andere bis jetzt angenommene Theorien irgend welche Be-
deutung für die Differenzierung des Geschlechtes haben kön-
nen und ihr negativer Wert liegt klar zu Tage.

Wer fiir diese so wichtige Frage ein wissenschaftliches
oder noch mehr ein praktisches Interesse hat, den verweise
ich auf meine oben angeführte Abhandlung, in der nicht
allein die wichtigsten Theorien kritisch beleuchtet werden,
sondern auch die Bestimmung des Geschlechts vom ana-
tomisch-physiologischen Standpunkte aus erklärt wird.

(Aerztliche Runclschau 1898 Nr. 4.)

Spreclisaal.

Ohne Verantwortung der Schriftleitung:.

Zuschriften ohne Namensangabe werden nicht berücksichtigt. TJie Namen der Ein-
sender hält die Schriftleitung natürlich geheim.

Koinmilitonen!

Längst sind die Zeiten entschwunden, da der Euf: „Bursphe
heraus!“ die ganze Studentenschaft alarmierte und zum einmütigen
Frontmachen gegen ihre angeblichen Widersacher begeisterte. VVas
7,u Anfang dieses Jahrhunderts einen Wedekind, einen Thibaut, hier
in Heidelberg, noch in Schrecken setzte, ist heute nicht mehr zu
fürchten. Andere Zeiten, andere Sitten! Und doch sind aucli heut-
zutage die Gelegenheiten nicht selten, wo ein einiges Vorgehen der
Studcntenschaft geboten scheint, — einfach als Sache des Anstandes!

Infolge der letzten skandalösen Vorgänge halte icli es für die
Pflicht jedes Akademikers, das Lokal: „Zum Roden-
steiner“ solange zu meiden, als der jetzige Wirt, Herr
Reith dort sein Wesen treibt! Seine Schuld ist es, dass dies
heliebte Studentenlokal in den schlechten Ruf gekommen ist, den es
derzeit hat, und seine krampfhaften Bemühungen, wie Bierkonzerte
u. dergl. können an dieser Thatsache nichts ändern!

Beurteilt selbst, Kommilitonen, das Verhalten des Herrn Reith.

Ueber das friihere Leben und Treiben dieses Mannes will ich
schweigen, auch darüber kurz hinweggehen, dass seine Frau letzthin
vor ihm in einem hiesigen Hötel Zuflucbt suchen musste, nur seine
lctzten Heldenthaten sollen hier in das rechte Licht gestellt
werden.

HerrReith wird hiermit gleichzeitig aufgefordert —
coram publico —, die Unwahrheit des Nachstehenclen
darzuthun!

Zwei seiner Kelineriunen, welche das „Reith’sche Sklavenleben"
nicht mehr ertragen konnten, gahen ihre Stellen auf und logierten sich
in einem am Markt gelegenen Gasthofe ein. Was that nun der ver-
ehrliche Herr Reith? — die Feder sträubt sich es niederzuschreiben!
Er goss in die bei ihm noch stehenden Körbe der beiden Mädchen
„Schwefelsäure“ und verdarb ihnen dadurch Kleider und Wäsche!
Damit aber noch nicht genug! Herr Reith lauerte den besagten Kell-
nerinnen auf und verfolgte sie bis-zu ihrem Absteigeguartier. Dass
er die Beiden dabei mit nicht wiederzugebenden Ausdrücken belegte,
unter anderem von „Würzburger H . . . n“ sprach u. dergl., ist seino
und ihre Sache. Er muss ja sein Personal kennen! Schlimmer aber
ist, dass Herr Reith, als ihm seiue Opfer durch den Wirt des be-
treffenden Gasthofes entzogen waren, in ,dem Lokale vor allen Gästen
zur Wirtin sagte, „Hier in dem H . . . , haus wohnen die Würzburger
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