Universität Heidelberg [Hrsg.]
Akademische Mitteilungen für die Studierenden der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg: Winter-Halbjahr 1897/98 — Heidelberg, 1897-1898

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Akademische Mitteilüngen

FÜR DIE

STUDIERENDEN DER RUPRECHT -KARLS-ÜNIVERSITÄT HEIDELBERG.

HERAUSGEGEBEN VON J. HÖRNING, UNIVERSITÄTS-BUCHDRUCKEREI

Feenspbechee 119 HEIDELBERG Hauptsxeasse 55 a.

Ersclicint wöchentlicli und wird unentgeltlicli und frei allen Studierenden, Professoren und Alten Herren zugestellt.

Winter-Halbjahr 1897/98. Nr. 7. Samstag, 4. Dezember 1897.

Professor e. o. Raphael von Erlanger t.

Am 29. November erfubr unsre Hochschule einen herben
Verlust durch den plötzlich, nach kurzem Krankenlager, er-
folgten Tod des ausserordentlichen Professors der Zoologie
Freiherr Dr. Raphael Slidell von Erlanger. Mitt-
woch, den 24. November zwangen ihn die ersten Anzeichen
von Erkrankung seine regelmässige, liebgewonnene Thätig-
keit auf dem zoologischen Institut zu unterbrechen. Freunde
und Kollegen hofften ihn baldigst von der scheinbar leichten
Erkrankung wiederhergestellt zu sehen; ihre Hoffhung und
Zuversicht erfüllte sich leider nicht, indem eine heftig her-
vorbrechende Lungenentzündung den in voller Lebenskraft
und vielseitiger Thätigkeit stehenden Mann im jugendlichen
Alter von 32 Jahren in wenigen Tagen aus diesem Leben riss.

Schmerzerfüllt beklagen alle diejenigen, welche ihm nähor
standen, sein frühes Dahinscheiden. Trauernd sahen sie die
reichen Hoffnungen, welche der unermüdliche Eifer und das
schöne Talent des Entschlafenen erweckten, zerstört. Wenn
auch diese Hofthungen geschwunden sind, so bleibt doch das,
was v. Erlanger in seiner Wissenschaft geleistet hat, dauernd
bestehen und sichert ihm trotz seines frühen Todes eine
ehrenvolle Stelle und ein bleibendes dankbares Andenken seiner
Fachgenossen.

von Erlanger wurde den 23. Juli 1865 als Solm des
Bankier Emil von Erlanger zu Paris geboren. Seine Schul-
bildung erhielt er zuerst auf der Ecole libre de la rue de
Madrid zu Paris, worauf er die Baccalaureatsprüfung an der
Sorbonne bestand. Dann siedelte er nach Deutschland über
und erwarb sich in Frankfurt a. M. 1885 das Reifezeugnis
des Realgymnasiums I. 0. (Wöhlerschule), 1886 endlich auch
das des Gymnasiums zu Giessen.

Seine Universitätsstudien begann er 1886 in Bonn mit
der Absicht, sich der Medizin zu widmen. Sommer-Semester
1887 bezog er unsere Hochschule, an der er seitdem un-
unterbrochen verweilte (mit Ausnahme des Winter-Semesters
1888/89, das er in Berlin zubrachte). Seine Neigungen
führten ihn bald von der Medizin zur Zoologie, vergleichen-
den Anatomie und Histologie, welchen Wissenschaften er sich
mit grossem Eifer und Erfolg widmete. Als er 1891 hier
die philosophische Doktorprüfung summa cum laude bestand,
hatte er schon seine Befähigung als wissenschaftlicher For-

scher durch eine Reihe von Publikationen dargelegt. Mit
unermüdlichem Fleiss wandte er sich nun der wissenschaft-
lichen Thätigkeit zu, aus der ihn der Tod mit unerbittlicher
Hand riss.

In den ersten Jahren selbständiger wissenschaftlicher
Forschung beschäftigten ihn, neben anderem, namentlieh ent-
wicklungsgeschichtliche Probleme, unter denen seiner Unter-
suchungen über die Entwicklungsgeschichte einiger Weich-
tiere und iiber die der Bärtierchen rühmlichst zu gedenken
ist. Seit 1895 wandte er sich mit besonderem Eifer dem
Studium des feineren Baues der Zelle und ihrer Bestandteile,
des Protoplasmas, Kernes und Centrosoms zu, indem er eine
weitausschauend geplante Reihe von Untersuchungen über
den Zellenbau, die Entwicklung und den Bau der Samen-
körper, die Befruchtungs- und ersten Entwicklungsvorgänge
der Eier verschiedener Tiere und verwandte Fragen begann.
Neben einigen kleineren Arbeiten auf diesem Gebiet, ver-
öffentlichte er im Sommer dieses Jahres die erste umfassen-
dere diesbezügliche Studie über das vieluntersuchte Ascaris-ei.
Hieran sollte sich eine Reihe ähnlicher Arbeiten anschliessen,
zu welchen die Vorstudien schon weit fortgeschritten waren.

Die akademische Laufbahn ergriff v. Erlanger 1893, in-
dem er sich für Zoologie an unserer Hochschule habilitierte.
1897 wurde er zum ausserordentlichen Professor ernannt.

Unserer Universität, an der er vor allem seine wissen-
schaftliche Bildung empfing, war er ein dankbarer und treuer
Schüler, was er auch dadurch zum Ausdruck brachte, dass
er aus den, von einem freundlichen Geschick ihm reich zuge-
dachten Glücksgütern für die Einrichtung und Ausstattung
des neuerbauten zoologischen Instituts einen grossen Beitrag
spendete.

An seinem Grabe klagt die treue Gattin, mit der ver-
eint er sich hier ein schönes Heirn gründete und die sein
Glück durch das Geschenk zweier liebreizender Kinder ver-
grösserte, welche ihres Vaters so bald beraubt werden sollten.

v. Erlanger’s Andenken wird unter uns in Ehren fort-
dauern und sein mild-ernstes Wesen, gepaart mit einem kind-
lich heiteren Gemüt und einem offenen Sinn für alles Schöne
und Gute, wird allen Denen, die ihm näher standen, unver-
gesslich bleiben. o. B.
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