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Akademische Mitteilungen für die Studierenden der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg: Winter-Halbjahr 1897/98 — Heidelberg, 1897-1898

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1897/98

Heidelbeiigeb Akademische Mitteilungen

worden. — Den Lizentiaten der Theologie Karl Götz und
Albert Bruckner wurde die venia legendi in der theologi-
schen Fakultät der hiesigen Hochschule für das Fach der
Kirchengeschichte erteilt.

Bi aunsclnveig. Der Psychiater Geheimer Medizinalrat
Dr. Hasse, ist am 6. Februar gestorben.

Jeoa. Dr. Alexander Steuer aus Dresden habilitierte
sich als Privatdozent für Mineralogie und Geologie.

Kiel. Professor Esmarch beabsichtigt aus dem Uni-
versitäts-Lehramt auszuscheiden. Zu seinem Nachfolger ist
der stellvertretende Direktor der chiurgischen Universitäts-
klinik, ausserordentlicher Professor Bier, ausersehen. — Der
ordentliche Professor der Experimentalphysik Ebert erhielt
einen Buf an die Technische Hochschule in München.

Lausanne. Der Professor für Hygiene an der hiesigen
Universität Dr. Karl Nicolas ist einem Schlagfluss erlegen.
Er erreichte ein Alter von 50 Jahren. — Der ausserordent-
liche Professor an der juristischen Fakultät der hiesigen
Universität Jacques Berney ist beim Schlittschuhlaufen im
Joux-See ertrunken.

Leipzig. Die , Königliche geologische Gesellschaft in
London“ (Koyal Geological Society) hat ihre grosse goldene
Medaille dem Geh. Bergrat Professor Dr. Zirkel in Leipzig
verliehen. Seit Gründung des Deutschen Reiches ist die
Medaille nun zweimal Angehörigen des Deutschen Reiches
zuteil geworden. 1868 erhielt sie Professor Paul Friedrich
Naumann in Leipzig. — Geheimerat Dr. Leuckart, Professor
der Zoologie und Zootomie, ist gestorben.

Münehen. An der Universität habilitierte sich als
Privatdozent für Archäologie Dr. Heinrich Bulle. Seine
Probevorlesung behandelte die Geschichte des alten Delphi.

Wlirzhurg. An der hiesigen Universität ist Dr. Ernst
Sieper zum ausserordentlichen Professor der englischen Sprache
ernannt worden. Sieper war ursprüngiich Yolksschullehrer,
holte im Alter von 30 Jahren das Abiturientenexamen nach
und studierte in Bonn Germanistik und neuere Sprachen.
Nach mehrmaligem Aufenthalt in England habilitierte er
sich erst vor einem halben Jahre in Würzburg in seinem
Spezialfach.

Ziiricli. In der medizinischen Fakultät der hiesigen
Hochschule hat sich Dr. med. Jakob Bernheim für das Fach
der Kinderheilkunde als Privatdozent habilitiert.

Deutsclier Spracliverein.

Der Familienabend des Deutschen Sprachvereins am
Donnerstag, 3. Februar nalim unter zahlreicher Beteiligung
von Mitgliedern und Gästen einen äusserst gelungenen Yer-
lauf. Herr Professor Wunderlich entwickelte in einer
begriissenden Ansprache die alten und neuen Aufgaben des
Sprachvereins. Er legte die Gründe dar, die dazu geführt
haben, in dem Kampfe gegen die Fremdwörter die haupt-
sächliche Aufgabe des Vereins zu erblicken. Nach dem
grossen Kriege von 1870 — den man in Baden nicht müde
werden darf, eine Grossthat der deutschen Geschichte zu nennen
erwachte langsam aber sicher das Verständnis dafür, dass
auf unserem siegreichen Volke noch geistige Fesseln lasteten,
mit denen es nach wie vor vom Auslande niedergehalten war.
Ein äusseres Kennzeichen dieser Abhängigkeit musste man
in den Fremdwörtern erblicken. Der Kampf gegen diese war
eine erste Regung des Volksgewissens. Dazu kam der Aus-
bau der Reichseinrichtungen: Reichstag, Reichsgericht, Münze,
Mass und Gewicht, Post und Heer; iiberall galt es den neuen
Behörden und Verordnungen Namen zu geben, und schon
damit drängte sich die Losung in den Vordergrund: „sprecht
deutsch im deutschen Reich!“

Nr. 15

Der gesteigerte Verkehr zwischen den neuen Volksge-
nossen führte zu einer Bekanntschaft mit den Mundarten.
Jede deutsche Mundart, jede deutsche Gegend hat aber ein
anderes Verhältnis zu den Fremdwörtern; wo die eine ein
deutsches W rort zur Hand hat, behilft sich die andere mit
einem fremden. Also auch von hier aus drängte Alles zu
einem Kampf gegen die Fremdwörter. Der 1885 gestiftete
Deutsche Sprachverein hatte gerade nach dieser Seite hin
einen beispiellosen Erfolg. Nirgends zeigte sich dieses deut-
licher als an dem Gebahren der zahlreichen Gegner. Als
Gegner entpuppte sich zunächst alles, was undeutsch fühlte
in deutschen Landen. Sodann wehrte sich die Macht der
Gewohnheit und Trägheit gegen die unbequemen Neuerungen.
Von hier aus wurden auch Einwürfe erhoben, die an Aus-
wüchse der neuen Bewegung anknüpften und die manches
Beachtenswerte darboten. Nicht blos Gedankenlosigkeit, son-
dern auch das Bildungsstreben hat dem Fremdwort den Weg
gebahnt. Dieses Bildungsstreben lebt vor allem in unseren
Lehnworten fort, die aus der Zeit frühen Mittelalters stam-
men; es ist auch ausgeprägt im gelehrten Fremdwort, das
aus den Zeiten des Humanismus und aus dessen Folgezu-
ständen sich erklärt. Dagegen die gedankenlose Nachäffung
allein trägt die Schuld an dem Fremdworte, das von der
höfischen Dichtung des Mittelalters hereingezerrt wurde; noch
mehr an den Fremdwörtern, die die deutschen Reisenden des
17. und 18. Jahrhunderts aus Paris mitgebracht haben.

Gegen solche Fremdwörter allein kann sich der erfolg-
reiche Kampf richten, Lehnwörter und gelehrte Kunstwörter
müssen vorsichtiger angefasst werden. Doch was unserem
Geschlecht nicht beschieden ist, mag vielleicht den Späteren
vorbehalten sein. Viele Worte, die heute zum besten ge-
hören, das unser Wortschatz besitzt, sind Neuschöpfungen
auf den Trümmern alter Fremdwörter. Manches VVort, iiber
das wir heute spötteln, kann später ähnlichen Erfolg haben
wie ihn z. B. Bewusstsein, Empfindung, Volkstum gehabt
haben.

Mit der Fremdwortfehde sind die Aufgaben des Deut-
schen Sprachvereins jedoch nur angeschnitten. Neue und
wichtigere liegen ihm ob auf dem Gebiete der Sprachrichtig-
keit und in der Pflege der Mundart. Die Frage der Sprach-
riclitigkeit kann nur dann der Lösung nahe gebracht werden,
wenn der gelehrte Forscher und der volkstümliche Kenner
der Sprache sich die Hand reichen. Notwendig ist, dass in
weiteren Kreisen die Ueberzeugung sich Bahn breche, dass es
für die Schule eine andere Lösung der Frage „was ist richtig,
was ist falsch?“ gilt, als für das Leben, für den erwachsenen
Menschen. Die Schule muss in allen Fragen auf eine rasche
Lösung, auf eine vorläufige Entscheidung dringen; dem Er-
wachsenen wird das Leben zahlreiche strittige Fälle nahe
bringen, in denen der Einzelne nach eigener Prüfung Stellung
nehmen soll. Ein Hauptmittel, die Uebelstände, die damit
verknüpft sind, zurückzudämmen, üegt in der Feststellung
des Sprachgebrauches einzelner Gegenden, einzelner Stände
und Schichten der Gesellschaft. Hier vermag die Arbeit der
Zweigvereine des Deutschen Sprachvereins gedeihlich einzu-
setzen, und Hand in Hand damit sollen sie fiir die richtige
Würdigung der Mundart wirken. An die Stelle des Spottes
oder der unverständigen Missachtung soll die liebevolle Pflege
der Mundart treten. Tag für Tag schwindet der Schatz, der
in den Mundarten verborgen liegt, dahin. Die Wissenschaft
allein kann hier nicht alles leisten.

In Erfüllung solcher Aufgaben müssen wir Reichs-
deutsche an unserem Teil unseren Dank gegen unsere Mutter-
sprache abtragen, für die unsere deutschen Brüder im Aus-
lande — in Oesterreich vor allem — Leib und Leben ein-
setzen, um ihr überbaupt nur das Fortleben zu ermögliclien.

An den Vortrag schlossen sich musikalische Aufführungen
an, die mit Beifall aufgenommen wurden. Der zweite Teil
des Abends wurde mit Vorträgen aus der mundartlichen Dicli-
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