Heidelberger Volksblatt — 2.1869

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Ellſtädt zog die Brauen zuſammen. "Der alte
Thomſen ſcheint Dich nicht mehr zu kennen," flüſterte
er ihr zu.
Jhre Lippen zuckten in tiefem Weh. "Warum
blieben wir nicht lieber zu Hauſe!"
"Erſt recht nicht! Jch glaube, Du beugſt Dich vor
dem hochmüthigen Volk? Kopf in die Höhe!" Dabei
warf er den ſeinigen herausfordernd zurück.
"Man to - man to!" ſchrien die Lehrjungen, welche
ſich im Boote befanden und dieſes ſchoß, trotz ſeiner
Ueberladung, ſo raſch auf die Jnſel zu, daß Uleſen
nicht ohne Furcht vor einem Unfall war, zumal meh-
rere ebenſo dicht bevölkerte Fahrzeuge mit der glei-
chen Eile demſelben Ziele zuſtrebten.
(Fortſetzung folgt.)

Lady Pool bei Waterloo.

Von Hilda keine Spur.
Jhre Munterkeit wurde immer natürlicher, unge-
zwungener. Nur als ſie an dem Dom vorüber kamen,
verſchleierte ſich ihr Auge, ſchwand die faſt fieberhafte
Röthe von den Wangen, hob ſich ihre Bruſt in ſo
ſchwerem Athemzuge, daß es ein erſtickter Seufzer zu
ſein ſchien. Es war, als vermöge ſie den Blick nicht
abzuwenden, müſſe ſich gewaltſam zuſammenraffen, um
die Unterhaltung fortzuſetzen. Und der mächtige go-
thiſche Bau kann allerdings, ſelbſt ohne Reminiscenzen,
die ſich an ihn knüpfen, den Blick feſſeln, mancherlei
Gedanken anregen, auch Seufzer entlocken. Sechs Jahr-
hunderte gingen vorüber, ſeitdem er entſtand. Nicht
ſpurlos. Er wurde zur halben Ruine, verlor beide
Thürme. Das winzige Glockenthürmchen müßte auf
einer Dorſkirche klein erſcheinen und bildet einen auf-
fallenden Gegenſatz zu den koloſſalen Mauern, dem ge-
waltigen Dach. Wie ein Rieſendenkmal der großen
Vergangenheit ragt das alte Gebäude in die Gegen-
wart hinein, deren enge Beſchränkung repräſentirt
wird durch die freundlichen kleinen Häuſer, welche die
überaus ſtillen Gaſſen der faſt tauſendjährigen Stadt
einfaſſen.
Aber heute waren ſie nicht öde und todt wie ſonſt,
die Straßen Schleswigs, vielmehr ungewöhnlich belebt.
Namentlich von der halberwachſenen Jugend, welche ſich
in einem Tempo bewegte, als ſei Feuer ausgebrochen
oder der Feind in Anmarſch. Auf dem Holm unten
drängten ſich die Leute und doch erblickte man auf der
Schlei eine ganze Flotille menſchengeſüllter Boote, wäh-
rend eine Anzahl derſelben ſchon die kleine Jnſel, den
Möwenberg, umgab.
"So ſpät, Herr Magiſter!" rief ihm faſt vorwurfs-
voll ein junger Burſche, ſein Auſwärter, entgegen; er
erwartete ihn längſt mit einer Flinte nebſt Zubehör.
Raſch waffnete er ſich mit den Jagdutenſilien.
"Deine Frau iſt ja wie ausgetauſcht; ſie wird meiner
Werbung ſicherlich nichts entgegenſetzen," flüſterte er
Ellſtädt zu.
Helene hatte ſich umgeſehen. "Jch finde ſie nicht
unter der Menge!"
"Jch auch nicht. Sie werden doch nicht etwa ſchon
voran gefahren ſein?" Die roſenfarbene Laune des
Magiſters ſchwand. Verſtimmt bemühte er ſich, die
Verſonen zu unterſcheiden, welche ſich in den Booten
befanden.
"Sehen Sie das blaue Band dort; ob es -"
"Ja, ja, es iſt Hilda's!" unterbrach er ſie und rief
den Fiſchernachen an, der eben im Begriff war, abzu-
ſtoßen. Die darin befindlichen Paſſagiere hielten ihn
zwar für gefüllt und Helene ſogar ſür überfüllt, allein
der Fiſcher verſicherte: es fänden noch mehr als drei
Perſonen darin Platz.
Und die Drei fanden wirklich Platz. Als bebten
ſie vor der Berührung mit den Einſteigenden zurück,
ſo ſchnell rückten die erſten Paſſagiere zuſammen. Der
ſtattliche Herr mittlern Alters im Vordertheil wandte
ſich haſtig ab, wie um einer Erkennung vorzubeugen,
Helene vermied es, nach ihm hinzuſehen

Bekanntlich waren in der Schlacht bei Waterloo
die wüthenſten Angriffe der Franzöſiſchen Armee auf
das Dorf Mont-Saint-Jean gerichtet, nach welchem
auch die Franzoſen die Schlacht nennen. Hier in dem
Erdgeſchoſſe des einzigen Wirthsheuſes befand ſich wäh-
rend des ganzen Kampfes eine junge Engländerin, die
Braut eines Officiers im Corps des General Picton,
die ihrem Geliebte bis zu dieſem gefährlichen Punkt
gefolgt war. Unter ſtrömendem Regen, und unter dem
Donner und Blitz der Geſchütze, von Blut und Tod
von Morgens bis zum Abend umringt, ſah ſie ihre
Landsleute vor dem ſtürmenden Andrang der Fran-
zoſen mit dem Schreckensrufe: "Die Schlacht iſt ver-
loren!" zurückweichen, ſah ſie dieſelben einige Stunden
ſpäter unter dem ſürchterlichen Kanonendonner der
Feinde wieder muthig vordringen. Durch die zertrüm-
merten Fenſter des Gaſthofes wurden Haufen Ver-
wundeter in das Zimmer des Erdgeſchoſſes geworfen.
Die Unglückliche, bis an die Knöchel in Blut watend,
muſterte ängſtlich die Geſichtszüge Aller. Stöhnen,
Schmerzruf umgiebt ſie erſt, dann Röcheln, dann Stille
des Todes. So bleibt ſie, bis die Sonne ſinkt und
der Sieg ſich für ihre Landsleute entſchieden hat. Da
ſpringt ein junger Officier über Leichen in den Saal
in ihre Arme. Feſt halten ſich Braut und Bräutigam
umſchlungen im Uebermaß des ſeligſten Entzückens. Aus
dem blutigen Gemetzel hat der junge Held ſich das
Leben gerettet, aber ach! die Geliebte hat unter den
Schreckniſſen jenes ſurchtbaren Tages - die Sprache
verloren. Die engliſchen Aerzte hofften Geneſung
von ruhigeren Tagen und beſonders von der ehelichen
Verbindung, die eine ſo treue Liebe krönen ſollte. Nach
beendigtem Feldzuge heirathete Lady Pool den Gelieb-
ten, Kinder umſpielten ihre Kniee, aber ihre Sprache -
war und blieb unwiederbringlich verloren.
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