Heydemann, Heinrich
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 3): Mittheilungen aus den Antikensammlungen in Ober- und Mittelitalien — Halle/​Saale, 1879

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Erdkugel stehend, in dem Schnabel einen Kranz und
in den Klauen einen Blitz haltend.
Und andere Steine mein-.

MAILAND «).

Vgl. Conze Arch. Anz. S. 108; Wieseler Gött. Nachr. 1874
No. 23. S. 553 ff.

I-

Zu den Notizen von Conze und Wieseler über
die Antiken, welche sich im Museo archeologico
der Brera befinden, möchte ich ergänzend das
Folgende hinzufügen73):

1. Kleiner griechischer Grabstein gewöhnlichster
Arbeit; hoch 0,33; br. 0,26. Eine Frau reicht die
Rechte einer sitzenden Frau hin, die ihr gleichfalls die
Rechte giebt; beide sind bekleidet. Vgl. Wieseler S. 553.

2. Copie einer griechischen Vorlage guter Zeit
scheint mir die auf den beiden Nebenseiten des römischen
Grabsteins der Durracina und der Barbia Nymphe74)
•— CILat, V 4104: von den beiden Büsten, die sich zwischen
den beiden Namen befinden, habe ich mir diejenige
zur Linken des Beschauers als 'männlich' notiert;
Mommsen bezeichnet sie gleichfalls als 'protome mu-
lieris' — angebrachte Figur eines jungen Mädchens zu
sein, deren ursprüngliche Schönheit selbst in der groben
Arbeit römischer Kaiserzeit noch zum Durchbruch
kommt. Im langen Chiton mit Ueberwurf, dessen eines
Ende sie über der Schulter mit der Linken zierlich
hochhebt, steht sie da nach rechtshin gewendet, den

,2) Die von mir in der Arch. Ztg ,1809 S. 37, 2 ver-
sprochene Mittheilung derjenigen bildlich verzierten, meistens
mit Inschriften versehenen Monumente des alten Mailand,
welche sich in des Alciatus 'Antiquitates Mediolanenses' ab-
gebildet finden, aus der (einst dem Manutius gehörigen) Ab"
Schrift der Vaticana Cod. lat. no. 5236 (vgl. dazu CILat. V
p. 62(5, 1) kann jetzt als überflüszig unterbleiben, seit der
fünfte Band des CILat. vorliegt, in welchem sie, sei es nach
den noch vorhandenen Originalen, sei es nach den über-
lieferten Abbildungen beschrieben und mitgetheilt sind. Nur
die eine Bemerkung glaube ich aus meinen Notizen noch
mittheilen zu müszen, dasz in jenem Vaticanischen Codex
der 'Antiquitates Mediolanenses' Fol. 192 auch eine flüchtige
Zeichnung des Grabmals der Julier von St. Reiny (vgl. dazu
Jahrb. des Ver. der Alterth. im Rheinb. 43 S. 133 ff; u. a.)
mit schlecht gelesener Inschrift sich findet.

73) Das Grabrelief mit der Darstellung eines 'sutor cali-
garius' (CILat. V 5919; abg. auch bei Grivaud Arts et metiers
pl. 45, 8) habe ich im Museum übersehen und nicht gefunden-

74) Zur Dativform 'Nymphini' vgl. Sievers Acta soc.
phil. Lips. II p. 83 ss (ebenso ist 'Nymphinfi]' herzustellen
auf der Inschrift Orelli 3812).

Kopf dem erhobenen Arm zuneigend, in der gesenkten
Rechten eine Oenochoe haltend. Auf der anderen Seite
(r. vom Beschauer) wiederholt sich die Figur, nur nach
links gewendet, den rechten Arm hebend und in der
Linken den Krug haltend.

3. In der Ära, die den &E012 \ KATAX80 \
NEIOI2 geweiht ist und die Wieseler S. 554 aus-
führlicher beschreibt, bemerke ich noch, dasz sie hoch
0,49, breit 0,17 und tief nur 0,10 ist. Charon trägt
langes Haar und ist bärtig; unter dem Nachen sind
Wellen angedeutet. Auf den Nebenseiten stehen je
auf einer kleinen Basis hier Hermes mit Heroldstab
und Beutel (sie); dort der bärtige Pluton in Chiton
und Mantel, um das Haupt ein Band, in der Linken
den Seepterstab aufstützend (der grosze Knopf läszt
im ersten Augenblick an einen Thyrsos78) denken)
und in der gesenkten Rechten eine Patera (?) haltend.

4. Der römische Grabstein CILat. V 6061 ist sehr
zerstört und verdorben; doch glaube ich, dasz die mittlere
weibliche Halbfigur über der Inschrift — deren ersten
Namen ich übrigens ORENSIA [Ortensia; nicht Orensia]
gelesen habe — nicht eine 'cista' hält, sondern vielmehr an
Bändern eine 'Bürste'. Unter der Inschrift sind noch
im Relief die Obertheile zweier Figuren erhalten, von
denen die zur Rechten des Beschauers ein bekleideter
Mann ist, der in der erhobenen Rechten eine 'Peitsche'
zu halten scheint.

5. Der jetzt arg verstümmelte Grabstein mit
der Inschrift CILat. V 5943 zeigt in Relief eine
Genrescene des Tuchhandels, die sich den beiden
Reliefs in den Uffizien (Dütschke no. 507 und 533)
und den pompejanischen Bildern bei Heibig no. 1497
und 1498 anreiht«); vgl. dazu Jahn Ber. der SGdW.
1861 S. 371 ff und Abb. XII (1868) S. 271 ff. Erhalten
ist noch (links vom Beschauer) ein Mann in Chiton,
welcher mit beiden Händen ein Stück Zeug herbei-
bringt, das er herunterhängen läszt; über der linken
Schulter hat er shawlartig ein zweites Stück, das mit
Franzen besetzt ist, zu hängen. Vor ihm steht eiii
zweiter Mann (Kopf und linke Hand fehlen) in
Vorderansicht, welcher in Chiton ist und ein Stück
Zeug mit beiden Händen ausgebreitet vor sich herab-

75) Daher auch im Bull, de la Corresp. hellenique 1
p. 43 Note 4, no. 5 von Martha als Bacchos erklärt — gewiss
irrig.

76) Noch eine andere derartige Genredarstellung des
Tuchhandels auf einem Grabstein findet sich zufälligerweise
auch in Mailand: abgebildet zB. bei Amati Antichita di
Milano Tav. 21 (die Inschrift im CILat. V 6123, wo die Dar-
stellung mit den Worten 'figurae duae states' erledigt wird);
ich habe diesen Grabstein nicht gesehen.
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