Heydemann, Heinrich
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 3): Mittheilungen aus den Antikensammlungen in Ober- und Mittelitalien — Halle/​Saale, 1879

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RAVENNA.

Vgl. Conze Arch. Anz. ISO". S. 91* f.

Die Alterthümer Ravenna's findet man gesam-
melt theils in dem Vorzimmer zur alten Kapelle
des Arcivescovado, theils in der Vorflur zur Biblio-
teca communale; die bei weitem schönsten und in-
teressantesten Stücke sind aber hier und da in der
Stadt zerstreut.

Unter den (leider meistens hoch eingemauerten)
Antiken im Arcivescovado möchte ich zu den
von Conze erwähnten noch die folgenden Stücke
hinzufügen:

1. Bruchstück (etwa eines Sarkophags?). Hochrelief.
Erhalten ist die linke untere Ecke: ein Erot, auf den
Rücken gefallen, hebt beide Hände hoch; sehr niedlich
und natürlich. Am Hintergrund sind zwei flache Pfeiler
und ein Tisch theilweise noch erhalten. Vgl eine ähn-
liche Erotenfigur bei Gerhard Ant. Bildw. Taf. 88, 2*)
(vor der aus der cista mystica hervorkriechenden
Schlange erschreckend).

2. Reliefbruchstück, wol mit dem vorigen ur-
sprünglich zu einer Darstellung gehörig; sehr mitge- !
nommene Copie einer guten Vorlage. Jederseits von einer
groszen auf hohem Fusz stehenden Vase mit Früchten
steht ein Erot: der eine, links vom Beschauer, langt (sich
emporrichtend) mit beiden Händen herauf und nimmt
Früchte; der andere (rechts) langt mit der Rechten
Früchte herunter und hält schon die linke Hand gefüllt
auf der Brust. Jederseits ein korinthischer Pfeiler
und Gebälk; unten Sockel.

3. Grabstein der Scaevina Procilla (abg. bei
Spreti 15:!) I tav. II no. 69). In einer Nische steht die
achtzehnjährige Verstorbene, in Vorderansicht, in Kleid
Mantel, den Kopf nach rechts wendend und in den
Händen ihr Wickelkind haltend.

4. Reliefbruchstück; feine Arbeit (ob griechisch'?);
leider sehr zerstört. Erhalten sind mehr oder weniger
vollständig vier in Processiou daherschreitende Frauen;
zwischen ihnen je ein korinthischer Pfeiler. Von der ;
ersten Frau (links vom Beschauer) ist nur noch das
getragene Geräth (eine Vase? ein Sistrum?) vorhanden;
die zweite Frau, in Chiton und Mantel, trägt auf der
Linken einen Kasten (?) und wendet vorwärtsgehend
das Gesicht in Vorderansicht; die dritte, ebenso ge-
kleidet, hält in der vorgestreckten linken Hand eine
Schale mit Früchten; von der vierten Frau endlich
sind noch einige Gewandung und der Rest eines Ge-

*) [Vgl. dazu unten S. 69, 33].

153) Desiderii Spreti de amplitudine eversione et restau-
ratione Urbis Ravennae libri tres a C. Spreti in italicum
idioma versi et notis illustrati. Ravennae. 3 vol. 1793. 4°.
Die Nachweisuug dieses Buches verdanke ich meinem Freunde
Dr. E. Bormann.

rätlies (Fackelstock?) in der gesenkten linken Hand
sichtbar. Vgl. verwandte Darstellungen bei Clarac 163,
259; u. a. m.

5. Bruchstück eines Reliefs von leidlicher Arbeit;
H. 0,50; Br. 0,21. Erhalten ist eine Jungfrau, tanzend
und beide Hände hochhebend, in kurzem Chiton mit
Ueberwurf und auf dem Kopf die Weiden- oder Schilf-
krone (sog. Galla), welche zwar abgebrochen aber
ganz unzweifelhaft ist. Es fehlen ferner der rechte
Arm vom Deltoides an und beide Beine von den Knieen
abwärts. Vor der Tänzerin der Rest eines flachen
Pfeilers; oben Rest einer Einfaszung. Vgl. analoge
Gestalten zB. Clarac 168, 78; Zoega Bassir. 20; 21;
u. a. mehr bei Stephani Nimb. und Stiahlenkr. S. 105
[465] no. 13 ff 154).

Von den Marmorwerken155) der Biblioteca
communale führe ich an:

6. Grabstein des A. Vettius Euphemus (abg. bei
Spreti I tab. V no. 233). Unter der Inschrift sind zwei
Hände dargestellt, die inneren Flächen zeigend. Vgl.
dazu die zuletzt von Jahn gesammelten Beispiele (Ber.
dSGdW. 1855. S. 53 ff-.), denen hinzuzufügen sind zB.
Conze Arch. Anz. 1867 S. 92* (Arcivescovado zu Ra-
venna: abg. bei Spreti I tab. I no. 66; vgl. auch II, 1
tab. XIV, 2) und S. 94* (Catajo no. 284 [360]); Heyde-
mann Athen. Marmorw. no. 14 (mehrere attische Steine);
Grabstein im neuen Museo Capitolino nel Palazzo de'
Conservatori 156); u. a. m.

7. Bruchstücke eines griechischen Grabsteins:
hohes Relief von nicht schlechter Arbeit. Erhallen
ist noch das Folgende: Kopf Hals Brust und linker
Oberarm einer Frau, nach rechts gewendet; der rechte
von Schulter an fehlende Arm war gesenkt; die Nase
ist weggebrochen. Die Frau ist in einen leichten
Chiton gekleidet, welcher auf beiden Schultern genestelt
ist und den Busen bis zu den Brüsten freiläszt, und
trug einen Kopfschleier der sich aufbauscht; ihr Haar
ist hinten mit einem Tuch aufgenommen.

8. Kleiner Sarkophag; H. 0,30; L. 0,86; schlechte
späte Arbeit. Auf den Nebenseiten links: Erot im

1M) Betreffs der beiden Basen mit diesen Tänzerinnen
im Museum der Marciana zu Venedig (Valentinelli no. 63
und 67) theile ich ganz die Meinung, dasz sie mindestens
recht verdächtig sind: vgl. Burekhardt Cicerone S. 514 c;
Conze Arch. Ztg. 1872 S. 85, 63.

>55) Die Anticaglien auf der Bibliothek habe ich nicht
gesehen; vgl. dazu Conze a. a. 0.

™) Bruchstück eines (wol christlichen) Grabsteins: er-
halten ist noch eine rechte emporgestreckte Hand (Innen-
seite sichtbar) und daneben von der Inschrift die linke Hälfte:
HAPIH I . . . d. i. wol: 6ü<jpei [iv #ecp?
TAIOY ... . (*^fr" o»[<f*2«

^\A0ANA . . . c.Ȋva[xog

cf. die christlichen Grabsteine CIGr. 9624; 9789; 9820; u. a.m;
vgl. auch 9917 (jüdischer Grabstein).
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