Heydemann, Heinrich
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 3): Mittheilungen aus den Antikensammlungen in Ober- und Mittelitalien — Halle/​Saale, 1879

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nur gleichsam übersetzt, die Amazonen in Inder, die
Griechen in den bacchicheu Thiasos, und bei dieser
Uebertragung die Brüste der ursprünglichen Amazone
aus Versehen wiederholt; eine Replik des als Vor-
lage benutzten Amazonensarkophags erkennt er in dem
Bruchstück im Louvre (abg. Clarac 117, 232), wo sich
die beiden Reiterfiguren in den äuszeren Umriszen
ähnlich wiederfinden. Diese Erklärung ist sehr geist-
reich, scheint mir aber schwerlich richtig, weil zu ge-
künstelt. Der Arbeiter des Sarkophags von Cortona
suchte für seine Darstellung sich von überallher Figuren
zusammen (vgl. zB. zum Gespann 2!'8) des Bacchus den
.Sarkophag bei Gerhard Ant, Bildw. 109, 1 = Müller-
Wieseler II 38, 444; zu dem Todten zwischen den Ken-
tauren und dem schnurbärtigen struppigen Inder den
todten Giganten links bei Visconti PCI. IV 10 = Overb.
Atlas zur Kunstmyth. V 9; u. a. m.): so nahm er denn
auch aus einer Amazonendarstellung die beiden Reiter-
figuren herüber und behielt die weibliehe Brust der
einen Figur gedankenlos bei. Wie dem nun aber auch
sei, immer ist, wie ich glaube, diese eine Amazone auf
ein Versehen des Künstlers zurückzuführen und nicht
etwa mythologisch beim Inderzug des Dionysos zu
verwerthen. Zum Deckelschmuck hat der Künstler
gleichfalls von überallher geborgt'2119): der gefangene
Jüngling links macht einen sehr edlen Eindruck, der
langhaarige dagegen rechts einen entschieden barba-
rischen Eindruck; die weinlaubbekränztc Büste (auf
kleiner Basis) im .Medaillon hat einen fast weiblichen
Ausdruck, und ist wol Dionysos selbst (nicht 'der dem
Bacchus geweihte Verstorbene' wie Gerhard für wahr-
scheinlicher hielt); um die Brust liegt die Chlamys wie
mir schien (nicht die Nebris).

PERUGIA.
I.

MÜSEO DELL' L'iSlYEUSITA.

Das Museum besteht fast mir aus ctruskischen 1
bei Perugia gefundenen Kunstwerken; den Haupt-
bestand machen Asehenkisten aus, deren Quantität
und Qualität wol nur vom Museum in Volterra über- |
troffen wird. Die meisten Stücke sind durch den
Eifer des der Wissenschaft und seinen Freunden zu

298) Der Eros am Wagenkasten ist natürlich nur orna-
mental zu nehmen, nicht wie Schul/, a. a. 0. will als Hin-
tleutung auf ein Liebesverhältniss zu deuten, mit dem der
Kampf des Bacchus gegen 'die Amazonen endigte.

-'") Vgl. zB. die Camcen Müller-Wieseler I 69, 377 und
378; Sarkophag Amendola Mon. deir Inst. 1 30 und 31 ; Sar-
kophag im Vatican Visconti PCI. V 31; u. a. m.

früh entriszenen Couestabile (Monumenti di Perugia.
IV Parte 1S70) allgemein zugänglich gemacht: nur
Weniges ist unbekannt. Die folgenden Bemerkungen
und Anmerkungen geben, was mir in der Sammlung
der Erwähnung und Aufzeichnung noch besonders
wert!) schien.

Zuerst eine Anzahl Vasenbilder :,ü0):

1 (Form 94 [meines Neapeler Vasenkatalogs];
II. 0,33; D. 0,30). Vielgebrochen; rothe Figuren von
schneller leidlich guter Zeichnung: A. Eine Flügelfrau
(Kos), in langem dorischem Chiton und mit Haarband,
verfolgt und faszt am rechten Arm einen Jüngling
(Kephalos), der fliehend umblickt; in der gesenkten
Rechten hält er ein (Sehreib-)buch. Ein Gefährte eilt
davon. B. Drei Manteltiguren.

2 (F. 98 ohne Deckel; H. 0,38; D. 0,30). Viel
gebrochen; rothfigurig; flüchtige gute Zeichnung. A.
Eine Frau Doppelflöte blasend, deren Tasche (mit
yXoDTZOXOflsZov) am linken Arm herunterhängt; sie
ist bekränzt und hat um die Schultern und auf dem
Kücken Kreuzbänder, damit der Chiton nicht von den
Schultern herabfällt (vgl. dazu S. 78 Anm. 199). Vor
ihr eilt ein Jüngling vorwärts, umblickend (fast in Vorder-
ansicht) und im linken Arm einen Krater (F. 98 ohne
Deckel) haltend, während er den rechten Arm hochhebt;
epbeubekränzt und über der linken Schulter die Chlamys.
Vor ihm spielt ein Jüngling die Schildkrötenleier und
singt, gleichfalls bekränzt und auf dem Rücken die
Chlamys. Oben xccZl und xaloq. B. Ein bärtiger
Mann, in Mantel und mit Lanze, steht zwischen zwei
Frauen, die eilig herbei kommen und erzählend die
rechten Hände heben. Vgl. dazu Jahn Arcb. Beitr.
S. 40, 116.

3 ;;(») (F. 63; 11. 0,17). Rothfigurig; flüchtige Zeich-
nung ; antike Beule (vor dem Brennen entstanden). A.
Jüngling, in .Mantel gehüllt und auf Stab vornüber-
gelehnt, vor einer hohen Stele, an der die Inschrift
steht (von oben an abwärts): H0pAU<AA05. /-'.
Jüngling, bis zu den Oberschenkeln in den Mantel
gewickelt und mit Stab in der Linken, vor einem
nackten Jüngling, welcher in der gesenkten Rechten
die Stlengis hält, die gesenkte Linke aber vorstreckt
und auf sie herabblickt (er läszt den Schmutz erst
abtröpfeln?).

4 (F. 62. II. 0,24). Rothfigurige flüchtige Zeich-
nung. A. Auf dem mit Binden und Vittae geschmückten
Omphalos kniet Orestes und blickt zurück nach der
ihn verfolgenden Erinys, welche mit beiden Händen
eine Fackel auf ihn richtet; eine zweite Erinys eilt
herbei und senkt in der Rechten eine Fackel auf
des Orestes rechte, das Schwert haltende Hand; in der

30°) Ueber Vasen in und bei Perugia gefunden vgl.
Brunn Bull, dell' Instituto 1S58 p. 147 ss.

3m) Die Vasen no. 3 — 7 sind Geschenke Alessandro
Castellani's an das Museum und stammen wol alle aus Nola.
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