Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 2.1884

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ZUR GEMMEN KUNDE.

Von

Dr. Eduard Freiherrn von Sacken.

/. Die Aspasios- Gemme.

er unter dem Namen der Aspasios-Gemme bekannte Intaglio, von dem auf Tafel I
eine photographische Nachbildung in Heliogravüre, und zwar unter Fig. i in der
Grösse des Originals, unter Fig. ia vergrössert (beide nach Gypsabgüssen angefertigt)
gegeben wird, ist einer der schönsten geschnittenen Steine der Sammlung des Aller-
höchsten Kaiserhauses, ja darf unbedingt den besten aller bekannten Intaglien aus dem
Alterthume beigezählt werden. Er stellt die behelmte, reich geschmückte Büste der
Athena im Profile von rechts dar. Das Gesicht zeigt eine feine, regelmässige Schönheit,
dabei aber doch eine gewisse Strenge und Festigkeit im Aufbau, wie sie dem ausgebildeten Ideale der
Göttin zukommen, dem auch die Einzelheiten der Züge vollkommen entsprechen.

Die Stirne, obwohl zum Theile durch den Helm bedeckt, ist klar und nicht hoch, sie tritt, über den
Augen scharfe, flache Superciliarbögen bildend, energisch vor, die Nase, aus geringer Einsenkung vor-
springend, nicht eben klein, ist ganz gerade, die Oberlippe des fein gezeichneten, leise geöffneten Mundes
sehr kurz, die Unterlippe etwas herabhängend; die wie trotzig aufgeworfenen Lippen verleihen eben dem
Antlitze den Ausdruck selbstständiger Energie, der durch das bedeutende wohlgerundete Kinn, die ziemlich
flachen Wangen verstärkt wird. Diesem Charakter der Entschlossenheit und Festigkeit gesellt sich durch
den sanften träumerischen Blick des Auges mit seinen starken Lidern der sinniger Jungfräulichkeit bei, wie
denn überhaupt in dem edlen Angesichte Ernst und Kraft mit zarter Anmuth wunderbar verschmolzen
erscheinen.

Der Augapfel steht, wie es für die griechischen Bildwerke der entwickeltsten Periode charakteristisch
ist, schräg, der Stern ist durch eine leise Vertiefung markirt, wodurch der Blick sehr an Lebendigkeit
gewinnt. Den Reiz des lieblichen Gesichtes hebt noch die Anordnung des Haares; vor dem zierlichen Ohre,
an Schläfen und Wangen quellen unter dem Helme kleine Löckchen hervor, welche die letzteren theil-
weise bedecken; zwei nebeneinander ringeln sich aufwärts, zwei darunter abwärts, unter letzteren kommen
noch zwei ganz kleine Haarpartien, eine nach vorne, die andere nach hinten gekrümmt, zum Vorschein,
wodurch auch der Abstufung des Reliefs gegen die Fläche der Wange Rechnung getragen und letztere
angenehm unterbrochen und belebt wird. Vom übrigen reichen Haare fallen zwei lange Locken neben-
einander ganz gleichmässig bis auf den Busen herab, jede drei Male gewellt, in Schnecken endigend; eine
breite, zusammengedrehte, spitz zulaufende Haarpartie liegt im Nacken und ist auf den Rücken hinab-
reichend gedacht.

Zeigt schon der ruhige, sanfte Gesichtsausdruck, dass die Göttin hier nicht als die kampfbereite
Anführerin im Kriege, sondern als segenspendende Friedensgöttin, als Parthenos aufgefasst ist, so erscheint
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