Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 2.1884

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EIN HOFISCHES KARTENSPIEL DES XV. JAHRHUNDERTS.

Von

Dr. Ernst Hartmann Edler von Franzenshuld.

Schluss.

Die vier Jungfrauen.

Wappen: Römisch Reich. Bezeichnung: Junckfraw. Dt.
Eine junge Dame sitzt zwischen zwei Bäumen auf dem röthlichen Boden und spielt auf einer Laute.
Sie trägt ein meergrünes, mit weissen Pelzstreifen bordirtes Kleid, welches mit goldenen Zweigen gestickt
ist. Das weissgraue Futter der Hängärmel scheint von Pelz, das Unterkleid blau mit Gold-Nesteln. Die
Figur hat ein ovales Gesicht von der Form eines veritablen Eies, auf welches man ein weibliches Mond-
antlitz gemalt hat. Das in zwei breiten goldenen Wülsten den Kopf einrahmende Haar ist bedeckt von
einem blassrothen Hut in der Facon der nachherigen Stuarthüte, der breite Rand mit Silberpunkten besäet,
über der Stirn eine kostbare Agraffe; von der Decke des Hutes hängen blassrothe, mit Silberpunkten be-
streute, rückwärts gelbgrüne Zaddeln auf den Rücken der Lautenspielerin herab. Die beiden ziemlich heraldisch
stylisirten Bäume stehen im Hintergrunde und auf dem zweiten erblickt man den Wappenschild des Römi-
schen Reiches.

Wappen: Ungarn. Bezeichnung: Junckfrawe. Dt.

Eine junge Dame mit etwas unbestimmtem, etwa erstaunten Gesichtsausdruck, der Kopf von reichen
blonden Zöpfen eingefasst, welche von schwarzen, mit Silberpunkten gezierten Bändern gehalten werden;
sitzt auf grün bemaltem Marmorboden zwischen zwei Bäumen, an derem ersten der ungarische Schild be-
festigt erscheint. Auf dem Schoosse hält sie ein gelbes Hündchen; ihr Kleid ist hochroth, mit Silberblumen
besäet und mit weissen Pelzstreifen bordirt; dazu einen roth und silbern gestreiften, mit eingeschlagenen
Punkten gezierten Leib und einen schwarzen Sammtgürtel mit Goldpunkten, die Unterärmel mit Silber-
und Goldpunkten bestreut, der Halsschluss golden verschnürt. Darüber Schulterkragen und pelzgefütterte
Hängärmel von Silberstorf, worin besternte Schuppen eingepresst sind.

Wappen: Böhmen. Bezeichnung: Junckfrawe. Di.

Auf Wiesenboden zwischen Bäumen, an deren zweiten der böhmische Löwenschild hängt, sitzt eine
reichgekleidete Dame, welche auf dem Schoosse eine mit Blasbalg versehene Handorgel hält. Nach Primisser
spielt sie mit der rechten verborgenen Hand, mit der linken bewegt sie den Blasbalg. Der blaue, mit weissem
Pelzstreif bordirte Rock mit silbernen Zweigen bestreut, schwarzer goldpunktirter Gürtel, Handgelenk und
Halsschluss mit goldenen Knöpfchen und Nesteln. Darüber Leibchen und Hängärmel von Silberstoff mit
stahlblauem Schimmer und eingepressten Rosetten; ersteres mit weisser Pelzbordüre am Halsausschnitte und
längs der unteren Hälfte wie von Blau und Silber gestreift; letztere innen aufgeschlitzt und an der offenen
Seite mit langen Lappen gezaddelt und röthlich gefüttert. Auf dem Haupte trägt das Fräulein eine niedere
rothbraune Mütze mit blauem Stülp, von welchem langes, zungenartiges, von Blau und punktirtem Silber
quergetheiltes, rothbraun gefüttertes Zaddelwerk herabhängt. Die Handorgel hat silberne Pfeifen, gelbes Holz
und lichtes Leder.

Wappen: Frankreich. Bezeichnung: Junckfrawe. Di.
Grasboden, Bäume, sitzende junge Dame, wie auf den vorhergehenden Sechsern, die Jungfrau spielt
hier auf einer Harfe und trägt ein weites, faltiges Kleid von mattem Roth, mit einem goldenen, gothischen
•Jfc bestreut und mit weissem Pelz ausgeschlagen. Das ebenfalls mattrothe Unterkleid ist golden zuge-
schnürt und punktirt. Auf dem Kopfe ein gleichfarbiger Turban, abwechselnd mit Goldstreifen, Arabesken
und bläulichen Perlen, sowie mit einem mächtigen Reiherbusch geschmückt.
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