Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 2.1884

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UBER ZWEI BRONZEBILDER DES GEHÖRNTEN DIONYSOS.

Von

Dr. Robert Schneider.

ls vor fast anderthalb Jahrhunderten Spence in einem seiner Zeit weit verbreiteten
Buche die römischen Dichter und die Ueberreste antiker Kunst wechselseitig ausein-
ander zu erklären versuchte, fühlte er sich nicht wenig überrascht, dass die von den
Dichtern dem Bakchus häufig beigelegten Hörner an den erhaltenen Bildern dieses
Gottes nicht zu sehen sind.' Was der englische Kunstkenner, dem selbst Lessing,
sein grosser Gegner, klassische Gelehrsamkeit und vertraute Bekanntschaft mit den
übergebliebenen Werken der alten Kunst nachzurühmen nicht anstand, vermuthet

hat, dass die an sich kleinen Hörner unter den Trauben und den Epheublättern, dem beständigen Kopf-
putze des Gottes, sich verborgen halten möchten, scheint zwar in manchen Fällen sich zu bestätigen,
konnte indess eine so auffallende Thatsache nicht genügend erklären. Wenn aber der berühmte Ver-
fasser des «Laokoon» meinte, dass Bakchus mit dem genannten Symbole nur in seinen Heiligthümern
stand, der von äusserlichem Zwange der Religion freie Künstler jedoch, der seinen Bakchus für keinen
Tempel arbeitete, es wegliess, weil solche natürliche Hörner ein «Zusatz von übler Wirkung», eine «Schän-
dung der menschlichen Gestalt», dem Begriffe reiner Schönheit zuwider gewesen wären,2 so scheint diese
gewagte Hypothese aus gewissen Vorstellungen über das Verhältniss des antiken Künstlers zu seiner
Religion entsprungen zu sein, welche den Anschauungen einer unbefangeneren Forschung schnurstracks
entgegenlaufen. Mit vollem Rechte hat ihr Herder3 widersprochen. Derselbe führt das symbolische Ab-
zeichen auf den Einfluss fremder, von aussen überbrachter Begriffe zurück, welche die Griechen, denen
die Schönheit der menschlichen Gestalt höher als die Allegorie gegolten, bald abgestreift hatten. Irrte er
vielleicht auch, indem er diesen Einfluss in den ältesten Zeiten wirksam dachte, so leitete ihn in seinen
Erörterungen doch jene ihm eigenthümliche tiefe Empfindung für das historisch und individuell Bedingte,
von der so manches helle Licht in die Dämmerung seiner «Kritischen Wälder» ausstrahlte.

Dass nicht nur in der Dichtung, sondern auch in den bildlichen Darstellungen dem Dionysos das
Symbol seiner elementaren Gewalt gewahrt blieb, geht aus den Worten einiger Autoren unzweifelhaft
hervor. An dem Home erkennt den Gott der ältere Philostratos in einem Gemälde, das die Auffindung
der verlassenen Ariadne zum Vorwurfe hat.4- Zu den litterarischen Zeugnissen, welche nichts von ihrem

1 Polymetis or an enquiry concerning the agreement between the works of the roman poets and the remains of
the antient artists being an attempt to illustrate them mutually from one another (London, 1747) Dial. IX, p. 12g.

2 Laokoon (1766) VIII und IX.

3 Kritische Wälder (1769) I, 7 (im XIII. Theile der Werke zur schönen Litteratur und Kunst S. 98—102 und im
dritten Bande der Ausgabe von Suphan S. 63—66).

4 Imag. I. i5: xal xtpa; ünEx^uo'jiEvov tfiw xpoiä'-ptov Aidvuaov Sr)Xot.

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