Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 2.1884

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Dr. Robert Schneider.

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Werthe einbüssen, weil sie späten Schriftstellern entnommen sind,1 lieferte mit der Zeit auch der von Jahr
zu Jahr sich häufende Vorrath antiker Denkmäler entscheidende Belege. Während nordische Gelehrte sich
mit dem vermeintlichen Probleme beschäftigten, brachten die ersten Ausgrabungen auf dem Boden Her-
culaneums eine gehörnte Büste des Dionysos zum Vorschein, und wichtigere Marmorhermen aus den
römischen Museen gesellten sich bald zu dem unbedeutenden Basaltkopfe aus dem brandenburgischen

Schatze, der früher als das einzig erhaltene, mit
Hörnern ausgestattete Bild desselben gelten konnte.
Zwar im Verhältnisse zur fast unabsehbaren Menge
der aus dem Alterthume uns gebliebenen Darstellun-
gen des Gottes ist noch heute die Anzahl seiner ge-
hörnten Bilder klein zu nennen, und sie durch Ver-
öffentlichen neuer Monumente zu vermehren, möchte
selbst dann nicht unwillkommen sein, würden diese
auch nicht wie die beiden hier zum ersten Male heraus-
gegebenen Bronzen der kaiserlichen Sammlung mit
der Seltenheit der Vorstellung artistisches Verdienst
verbinden und durch die hinlänglich bezeugte Her-
kunft allein schon berücksichtigt zu werden ver-
dienen.

Die auf Tafel IV abgebildete 16 Gm. hohe
Statuette des gehörnten Dionysos aus Bronze wurde
um 1877 imPeloponnese gefunden, erst nach Athen,
dann im Sommer 1878 nach Wien gebracht und hier
für das kaiserliche Kabinet erworben.2 Sie zeigt uns
den jugendlichen Gott, wie er sich auf ein Felsstück
niedergelassen hat. Er ist nackt. Das um den linken
Vorderarm gewickelte Gewand dient als weiche
Unterlage auf dem rauhen Sitze und hängt über den
rechten Oberschenkel herab. Miene und Haltung,
weit entfernt behaglichem Ausruhen zu entsprechen,
scheinen vielmehr eine gewisse nervöse Unruhe zu
verrathen. Das gebeugte linke Bein ist in die Höhe
gezogen und das vorgestellte rechte tritt nicht mit
voller Sohle auf den Felsboden, sondern berührt ihn nur leicht mit der Ferse. Wahrend der linke Arm mit
geschlossener Faust müssig auf dem Oberschenkel ruht, ist der rechte mächtig erhoben; die Hand hat ohne
Zweifel irgend etwas in die Höhe gehalten. Der nach rechts gewendete Kopf, den gewohnten Bildungen
des Dionysos wenig ähnlich, ist von breit und kräftig gebautem Knochengerüste und düsterem Ausdrucke.
Eine tiefe, von Schläfe zu Schläfe sich hinziehende Furche theilt die fleischige Stirne in zwei Hälften, deren

1 Athenaeus deipnos. XI, 476 A: if ol tbv Aiivuoov xepawpuij -Xizi^au Porphyrie« de abstin. HI, 16: oBtta 8>j x*\
o\ "EUtjve; rä |ifcv tou Atb? äyc<X|j.aTi xpioü jtpoarjiav xipaxa, Tocüpou Se tw Aioviaou. Festus de verb. signif. p. 37 ed. Müller:
cornua Liberi patris simulacro adjiciuntur. Albericus de deorum imaginibus libellus 19: erat enim imago sua facie muliebri
pectore nudo capite cornuto. Isidor orig. VIII, 11: quodidem Liber muliebri et delicato corpore pingitur . . . . sed ideo
coronam viteam et cornu habet.

2 Die erste Notiz über diese Bronze gab Furtwängler in seinem gehaltvollen Commentare zu einer prenestinischen
Cista (Annali dell'Institute di corrispondenza archeologica, vol. XLIX, p. 202, nota 1) nach ihm aus Athen gewordener
Mittheilung. Die hier gegebene Deutung auf den arkadischen Pan, der danach als Jäger mit dem Hunde zur Seite dar-
gestellt gewesen sein sollte, nahm derselbe Autor nach «inzwischen erfolgter eigener Anschauung» der kurzen Stierhörner
wegen wieder zurück und vermuthete statt dessen in der Figur einen Diadochenkönig (Mittheilungen des deutschen archäo-
logischen Institutes in Athen Band III, [1878], Seite 294 Anm.). Ausserdem wurde die Bronze von Freiherrn von Sacken
als «Suerbakchus» kurz beschrieben (Archäologisch-epigraphische Mittheilungen aus Oesterreich, Band III [1879], s- i28f.).
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