Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 2.1884

Page: 40
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Eduard Freiherr von Sacken. Zur Gemmenkunde.

Steines, der mit einer schön emaillirten Renaissanceeinfassung versehen ist, beträgt 6-4 Ctm. Höhe bei
5 Ctm. Breite.

Gegen Ende des XIV. Jahrhunderts mehren sich die Beispiele der wieder auftretenden Kunst des
Steinschneidens. Die Secretsiegel König Karl des V. vonFrankreich (f i 38o) zeigen inSapphir eingeschnittene
Lilien und Buchstaben, selbst das bekrönte Köpfchen des Königs,1 auch Namen von Steinschneidern, wie
Benedetto Peruzzi, Giovanni delle Carniole tauchen auf.2

Im XV. Jahrhundert, besonders durch Lorenzo von Medici (1448—1492) nahm dieser Kunstzweig
einen hohen Aufschwung; antike Steine wurden gesammelt, neue bestellt, sowohl Portraits, als selbständige
Compositionen christlichen Inhalts. Als Beispiele dieser Bluthe erscheinen zwei kleine Portrait-Cameen der
Sammlung (Tafel III, Fig. 8, 9). Der eine zeigt einen Jüngling von nicht hübschen Zügen mit eingebogener
Nase, herabgezogenem Munde, im Profil von links; den Kopf, dessen üppiges Haar gewellt in geschlos-
sener Masse auf die Schulter herabfällt, deckt ein kleines Baret mit umgehendem Stülp. Das Portrait von
individueller Charakteristik ist in ziemlich hohem Relief vortheilhaft geschnitten und glänzend polirt.
Onyx von dunkelgrauer Unter- und weisser Oberlage, 1-2 Ctm. hoch, 1 Ctm. breit.

Noch bei weitem vorzüglicher ist der zweite kleine Camee, t*3 Ctm. hoch, 1 Ctm. breit, das Brust-
bild eines aussergewöhnlich schönen, reizenden Mädchens, wahrscheinlich einer italienischen Fürstin. Das
ungemein edle, feingeschnittene Profil (von rechts) zeigt eine classisch regelmässige Bildung mit geradem
Näschen und kleinem Munde; das Auge, dessen Stern leicht markirt ist, blickt sinnig. Den Reiz des lieblichen
Gesichtes erhöht die geschmackvolle Anordnung des reichen Haares, nach der italienischen Sitte gegen
Ende des XV. Jahrhunderts, in tief herabhängender geschlossener Masse von Wellenscheiteln und kleinen
Zöpfchen kunstvoll angeordnet und durch eine schmale Stirnbinde zusammengehalten; der Mode dieser Zeit
entspricht auch das eckig ausgeschnittene Kleid mit gekraustem Besatz. Modellirung und Technik an diesem
kleinen Juwel der Steinschneidekunst sind gleich vollendet und geben einen Begriff von der hohen Stufe,
welche diese in Italien in der Periode der Früh-Renaissance erreicht hatte, um bald eine der Antike nahe-
kommende Vollendung zu erlangen.

1 King, Antique gems I, p. 397.

2 Cicognara, storia della scultura II, p. 391.
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