Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 9.1889

Page: 207
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BRONZEN IN DER II. GRUPPE DER KUNSTSAMMLUNGEN DES
ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUSES.

Von

Dr. Theodor Frimmel.

ie Kunstsammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses bewahren neben reichen Schätzen
von antiken Kunstwerken und von solchen aus den verschiedenen Perioden der Neu-
zeit auch genug Gegenstände mittelalterlicher Herkunft, die eingehende Beachtung ver-
dienen. Ich wähle aus diesen die mittelalterlichen Bronzen heraus, um mit ihrer Be-
schreibung eine Reihe von Arbeiten zu beginnen, die von jenen Bronzen der Samm-
lungen handeln soll, deren wissenschaftliche Bearbeitung mir nahe zu liegen scheint.
Bronze wird hier in dem vielfach angewendeten, sehr weiten Sinne genommen, der

fast so viel bedeutet wie Kupfer und dessen wichtige Legirungen.

Da es bei ähnlichen Arbeiten kaum ganz ohne Eintheilungen abzugehen pflegt, versuche ich auch
hier eine solche, indem ich die Bronzen mit Email von denen ohne Email sondere. Die Art des Emails,
die uns hier einzig und allein angeht, ist der Grubenschmelz, und zwar in Beispielen, die auf französi-
schen, vielleicht auch auf italienischen Ursprung hinweisen. Die französischen Arbeiten sind der Zahl nach
hier ebenso in der Uebermacht wie in den meisten anderen Sammlungen. Es ist ja kaum fraglich, dass
die französischen Werkstätten, namentlich die von Limoges, in der Zeit vom etwa halben i3. Jahrhundert
bis gegen das 14. Jahrhundert den Gebrauch an emaillirten kirchlichen Gegenständen in den Culturstaaten
Europas beherrscht haben. Es waren Krummstäbe, Hostienbüchsen, Weihrauchschiffchen, Tragleuchter,
Crucifixe, Reliquienhäuschen, Reliquiare in Form sitzender Madonnen, Buchdeckel, Buchbeschläge, die
damals wohl zu Dutzenden aus Frankreich ausgeführt worden sind. Dazu kommen noch Gegenstände mit
reicher Verzierung in Grubenemail, die wahrscheinlich zumeist profanen Zwecken gedient haben, wie die
sogenannten Gemellions und Manches, dessen kirchlicher oder profaner Gebrauch sich im Allgemeinen
kaum wird feststellen lassen.

Die rheinischen Werkstätten, wie es scheint etwas weiter in der Zeit zurückreichend als die franzö-
sischen, lieferten mehr eigenartig durchgebildete Arbeiten, die meist höher im Kunstwerth stehen. In vielen
Fällen ist die Unterscheidung des in helleren Tönen und mit häufigerer Anwendung des Weiss hergestellten
rheinischen Grubenschmelzes vom Limousiner Email, das meist verschiedenen blauen Tönen die Herr-
schaft überlässt, nicht schwierig. Indess gibt es Stücke genug, bei denen die gewissenhafte Forschung An-
stand nimmt, einen bestimmten Ausspruch über ihre Nationalität zu wagen. So geht es auch mit dem
Gegenstand, den ich hier zunächst beschreibe. Wenn er hier als französische Arbeit bezeichnet wird,
so geschieht das nicht auf Grundlage zwingender Schlussfolgerungen, sondern nur vermuthungsweise.
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