Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 12.1891

Page: 84
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BILDNISSMEDAILLEN DER SPATRENAISSANCE.

Von

Dr. Friedrich Kenner.

ie Medaillen - Sammlung des Allerhöchsten Kaiserhauses ist an Werken aus der
zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts sehr reich, nicht blos an italienischen sondern
auch an deutschen und niederländischen, wenngleich die ersteren in der Mehrzahl
sind, wie dies bei der viel älteren und intensiveren Pflege der Schaugepräge jenseits
der Alpen selbstverständlich ist. Die Entstehung dieses ausgedehnten und aus-
gewählten Besitzes darzustellen, bleibt der Zukunft vorbehalten; hier sei einzelner
Thatsachen aus der Geschichte der Sammlung nur insoferne Erwähnung gethan,
als für das Verständniss der nachfolgenden, auf die Herkunft der einzelnen Medaillen bezüglichen Nach-
weise nöthig sein wird.

Abgesehen von Erwerbungen, die als Andenken, Geschenke oder im Wege des Kaufes, wie dies
zu allen Zeiten geschah, einlangten, ist der weitaus grössere Theil der Medaillen durch die Kunstliebe
einzelner erlauchter Mitglieder des Erzhauses zustande gebracht worden.

Obenan steht unter ihnen Erzherzog Ferdinand von Tirol, dessen Sammeleifer an allen Höfen
bekannt war und von ihnen gefördert wurde. Ferrara, Florenz, Mantua beschenkten ihn mit den
gewünschten Bildnissen, theils in Form von Medaillen, theils in jener von Oelgemälden; ja der
bairische Prinz Ernst, von ihm um Bestellung ersucht, als er nach Italien reiste, schreibt 1574 aus
Rom,1 er hoffe den Erzherzog in Betreff der Medaillen vollständig befriedigen zu können: »wie wir
dann fast aller Cardinäl und also bis in die hundert dergleichen Pfenning zewegen ze bringen ver-
hoffen, obwol dieselben zur Zeit nit in die rechte form abgössen sondern erst in Conterfet bracht
seind«.2 Wahrscheinlich sind in dieser wichtigen Stelle Naturaufnahmen in Wachs oder Stucco oder
doch original ciselirte Medaillen verstanden, von welchen die Künstler auf Bestellung Hohlformen
herstellten, um sie auszugiessen. In ähnlicher Weise wie aus Italien mag der berühmte Stifter der
Ambraser Sammlung auch anderwärts Pfennige mit Bildnissen hervorragender Zeitgenossen erworben
haben.

Wie reich seine Sammlung auch in dieser Richtung war, zeigt der Umstand, dass der Hofantiquar
Heraeus auf Befehl des Kaisers Karl VI. im Jahre 1713 aus Ambras über 1200 auserlesene Schau-
münzen nach Wien brachte;3 ein Theil davon ist in seinem »Journal oder Tagebuch«* aufgeführt, so
dass die Herkunft mancher der unten besprochenen Schaustücke genau nachgewiesen werden konnte.

1 Hirn, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol II, 433.

2 Ebenda. — Im Jahre 1575 traf die erste Sendung von Medaillen aus Rom in Innsbruck ein.

3 J. Bergmann, Sitzungsber. der kais. Akademie der Wissenschaften 1854, XIII, 539 f. (Separatabdruck 46, Note 2);
XIX, 61 (Separatabdruck 33).

4 Acten des k. k. Münz- und Antikencabinetes, Nr. 4, ein Band in Folio mit 266 Seiten Manuscript, im Folgenden
als »Journal« citirt.
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