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Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 16.1895

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Abhandlungen
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Dollmayr, Hermann: Raffaels Werkstätte
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https://doi.org/10.11588/diglit.5778#0261
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232

Hermann Dollmayr.

Man schenkte nämlich seinen Worten stets allzu unbegrenzt Glauben und Vertrauen und wollte
es ihnen nicht anmerken, dass sie nur mit Vorsicht und Kritik hinzunehmen seien. So hatten sich,
durch sie verleitet, Viele, gleich was die Grösse der Schule anbelangt, gedrängt gefühlt, eine dringende
Ehrenschuld an den geliebten Meister damit abzutragen, dass sie die Zahl seiner Werkleute, die Vasari
auf fünfzig beziffert hatte, durch ebensoviel Namen zu erfüllen suchten. Sie zählten daher bald diesen,
bald jenen Künstler seinen Schülern bei, bis sie deren Schaar allmälig zur Legion erweitert hatten, die,
dienstbereit und brauchbar, des Winkes ihres Lehrers gewärtig gestanden hätte, um überall, wo er sie
benöthigte, einzugreifen. Dass es bei solchen Bemühungen mit der Wahrheit nicht immer so ernst
genommen wurde, wie es hätte geschehen sollen, das haben sich die meisten der Raffael-Biographen
— man kann es zwischen ihren Zeilen lesen — selbst nicht verhehlt. Allein statt von ihrer falschen
Pietät abzustehen, Hessen sie sogar ihre Phantasie weiter walten und entwarfen sich von dem ein-
trächtigen Leben in Raffaels Künstlerfamilie ein ebenso anmuthiges als unrichtiges Bild, indem sie den
Faden bis aufs Feinste weiterspannen, den ihnen eben ein und derselbe Vasari durch seine Behauptung
in die Hände gab: Raffaels edle Herzens- und Geisteseigenschaften hätten alle Gegensätze unter dem
sonst einander so missgünstigen Malervölklein ausgeglichen und die Leute seiner Schule in gemein-
samer Liebe an seine Person gefesselt.

Auch hatte man nie die Anekdote von des Meisters Begegnung mit Michelangelo vergessen und
hatte nur zu bald den Vortheil herausgefunden, den ihre Wiedererzählung dem gewährte, der es unter-
nahm, die Grösse seiner Schule zu vertheidigen. Man konnte sich's daher nicht oft genug wiederholen,
wie der Meister eines schönen Tages inmitten eines so stattlichen Gefolges von Schülern Michelangelo
begegnet wäre, dass dieser, darüber höhnend, ihm zurief, er meine, auf den Häscherhauptmann ge-
stossen zu sein, und freute sich stets von Neuem Raffaels schlagfertiger Antwort darauf, er seinerseits
glaube, den Henker vor sich zu haben. Denn dass die Legende von Lomazzo1 erfunden sein könnte,
dass sie ihre Entstehung wahrscheinlich den Worten Vasari's selbst verdanken dürfte, das liess man
sich ebensowenig beifallen, als man den Argwohn hegte, in seinem Berichte möchte die Zahl fünfzig
blos eine willkürliche, sagen wir eine subjective Schätzung sein. Man ging ja nur darauf aus, eine
möglichst grosse Summe von Schülernamen zu bekommen; dass schliesslich alle Schulen zerrissen
und ihre Glieder durcheinandergeworfen waren, focht Niemand an.

Als demnach in neuerer Zeit die Specialforschung Schule für Schule eingehend untersuchte,
konnte sie natürlich nicht umhin, an der Schülerliste des grossen Urbinaten vielfache Streichungen
vorzunehmen. Trotzdem spukte jedoch der nebelhafte Begriff der allen Vergleich übersteigenden
Grösse seiner Werkstätte noch immer fort und man liess nach wie vor aus allen Theilen der apenni-
nischen Halbinsel und selbst vom Auslande her lernbegierige Jünger ihr zuströmen, »unzählig an
Zahl, alle voll heftigen Verlangens, seinen Unterricht zu geniessen und seine Lehren in sich aufzu-
nehmen«. Ja sogar vor wenigen Jahren noch, in unseren, in der Kunstgeschichte so aufgeklärten
Tagen, wurde die Behauptung gewagt: »Seit Squarcione, den man den Vater der Maler nannte, weil
ihm i37 Schüler ihre Bildung verdankten, habe kein Meister eine gleich beträchtliche, gleich glänzende
Schule begründet.«2

Wie gut dabei die Werkstätte als solche eingerichtet war, zeige, sagt E. Müntz weiter, »dass Raffael
als er Farben brauchte, einen seiner Schüler sogar bis nach Venedig senden konnte, um sie einzukaufen.
Andere Schüler wären bestellt gewesen, im mittleren Italien und selbst in Griechenland die antiken
Monumente in Zeichnungen auferstehen zu lassen, und wieder andere, vor Allem der Bologna, hätten
die Teppichcartons nach Brüssel begleitet, um ihre Webe zu überwachen«.

Bedeuten nun aber diese drei Fälle wirklich so viel für den Umfang der Schule? Ich sage nein!
Denn so wenig jemand die Ansicht hegen wird, die »disegnatori«, die Raffael nach Vasari3 in Pozzuoli

1 Idea del tempio della pittura. Ed. Bologna 1785, p. 49.

2 E. Müntz, Raphael, p. 623 ff.

3 IV, p. 36l.
 
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