Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 16.1895

Page: 81
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DAS NEUGEBÄUDE BEI WIEN.

er

Von •

Albert Ilg.

ie hier gegebene Abhandlung ist einem Gebäude gewidmet, welches fast gänzlich
unbekannt und übersehen aber selbst in seinen heutigen traurigen Ueberresten
ein merkwürdiges Zeugniss von der Kunstliebe der Habsburgischen Herrscher in
den Tagen der-Renaissance ist. An die Mauern des Neugebäudes bei Simmering,
seit der Einbeziehung der Vororte im XI. Be^rrke Wiens gelegen, knüpfen sich
grossartige Erinnerungen an den Kunstsinn Kaisers Maximilian II. und seines
Sohnes Rudolf II., an das Eingreifen bedeutender italienischer Architekten, Mal
und Bildhauer in die österreichische Kunstgeschichte; aber auch wichtige nordische Meister, wie
Allem der Niederländer Alexander Colin, der Meister des Heidelberger Schlosses und des Maxgrabes
in Innsbruck, spielen dabei eine hervorragende Rolle. Die Anlage des Gartens und die Baulichkeiten
vertreten den Stil des Südens so charakteristisch, wie es bei keinem zweiten erhaltenen Schlosse aus jener
Periode der Fall ist, und selbst in dem heutigen Zustand des Gebäudes lässt sich das noch deutlich
erkennen. Somit kann man behaupten, dass diesseits der Alpen ein ähnliches Ueberbleibsel aus der
früheren Renaissance nirgends nachweisbar sein dürfte, eine so seltsame, auf dieser Scholle so fremde
Anlage, etwas so durch und durch Italienisches in architektonischem Sinne, und es ergibt sich von
selbst, dass eine gründliche kunsthistorische Untersuchung des erhaltenen Baues sowie der urkundlichen
Nachrichten über denselben der heimatlichen Kunstgeschichte wichtiges neues Material beischaffen dürfte.
Der Kunstsinn unserer angestammten Dynastie stellt sich in der Geschichte dieses einst grossartigen,
nun zum Schatten herabgesunkenen Lustortes so eigenthümlich, so neuartig aber auch so reich und
überraschend vielseitig dar, dass durch die Beleuchtung desselben dieses Gemälde mannigfach auf-
geklärt werden wird, um so bedeutender vielleicht, als über grosse architektonische Unternehmungen
unserer Fürsten in eingehend kunsthistorischer Untersuchung sonst neben Berichten Über anderweitige
Betätigung ihrer Kunstpflege nicht häufig Nachricht zu geben Gelegenheit war.

Wenn man heute bei St. Marx das Gebiet der alten Stadt verlässt, so kommt man auf der nach
Pressburg führenden Reichsstrasse ausser den letzten Häusern der Vorstadt auf Öde Felder hinaus, in
deren unerfreulicher Umgebung sich zur Rechten der ungeheure Centralfriedhof ausdehnt, während
links, gegen die Donau hin, ein altersgraues, langgestrecktes und niedriges Gebäude mit Mauern, Zinnen
und von Abstand zu Abstand darauf aufgesetzten spitzen runden Thürmen die Aufmerksamkeit auf
befremdende Weise erregt. Einige höhere Dächer ragen hie und da über die niederen alten Um-
mauerungen empor aber man merkt gleich, dass diese ordinären, magazinartigen Einbauten spätere
Zuthat sein müssen. Zahlreiche Blitzableiter auf allen Spitzen, viele Soldaten-Schildwachen geben
dem Ganzen noch ein besonders auffallendes Gepräge, kurz, das ehemalige Lustschloss der öster-
reichischen Fürsten der Renaissance ist seit Maria Theresia ein Pulvermagazin des Militärärars und
hat darum heute alle Eigenschaften eines solchen wichtigen, gefährlichen und schwer zugänglichen
Etablissements. So auffallend und anlockend daher sein äusserer. Anblick auch sein mag so ist das

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