Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 18.1897

Page: 109
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MATHIAS STEINLE.

Von

Albert Ilg.

n dem hier veröffentlichten Aufsatze ist es die Absicht des Verfassers, einen sehr
ansehnlichen Künstler des österreichischen Barocco, einen Meister von staunens-
werther Vielseitigkeit, dem allgemeinen Interesse näherzurücken, welcher, abge-
sehen von einigen unsicheren und unkritischen Angaben der älteren Literatur, bis-
her nur durch gelegentliche Anmerkungen des Verfassers in früheren Publicationen
bekannt geworden war. Allerdings bin ich auch heute noch nicht im Stande, von
dem Leben und Schaffen Mathias Steinle's oder Steindl's ein vollständiges, nach
allen Seiten hin genügendes Bild zu entwerfen; trotzdem aber scheint es an der Zeit, das eben nicht
ärmliche Material, welches ich im Verfolg sonstiger Studien über ihn gelegentlich gefunden hatte, nach-
dem es durch neue, speciell ad hoc unternommene Studien vervollständigt worden war, an den Tag zu
geben, um zu weiteren Forschungen die Handhaben zu bieten. Es ist mir wohl gelungen, von dem
hervorragenden Künstler sehr viele Umstände seiner Thätigkeit, welche bis zur Stunde völlig unbe-
kannt waren, in klares Licht zu setzen, eine grosse Reihe seiner Leistungen zu bestimmen, seine Ge-
burt, seinen Tod, seine Familienverhältnisse, Beziehungen zum Hofe, zu geistlichen Häusern etc. fest-
zustellen; aber es klafft freilich noch manche Lücke in diesem nicht mühelos zusammengestellten
Mosaik. Wieder muss ich, wie bei dem älteren Fischer von Erlach, Adriaen de Fries, Georg Raphael
Donner, Hildebrand, den Galli-Bibiena, Franz X. Messerschmidt, Permoser, Pozzo, den Moll, Gran
und so vielen österreichischen Künstlern, über die ich in grundsteinlegender Weise gearbeitet habe,
den erweiternden Beiträgen in der Zukunft sowohl durch fremde als auch durch fortgesetzte eigene
Arbeit entgegensehen, und ich thue das mit wahrem Vergnügen; ich habe gerade nur auf diesem Wege
stets erfreuliche Erfolge geerntet. Das Wichtigste über den Meister dürfte aber doch auch, in diesem
Falle durch meine vorliegende kleine Arbeit bereits geboten sein.

Wir haben von dem unendlichen Reichthume der künstlerischen Productionskraft, von der Menge,
Fülle, Ueppigkeit und kolossalen Verbreitung des Kunstschaffens in jener Periode im Heimatlande
noch lange keinen ausreichenden Begriff. Wir, die wir zu unserer Zeit nur eine Anzahl berühmter
Namen auf wenige grosse Kunstemporien vertheilt wissen, während ganze weite Ländergebiete und
Provinzen in Sachen der Kunst leer und öde stehen, haben keine Vorstellung davon, wie zu jener Zeit
die Verbreitung des Kunstschaffens bis in die entlegensten Winkel, Städte, Märkte, ja Dörfer, Klöster
und Schlösser der fernsten Kronländer vorgedrungen war. Centralen der Kunstpflege gab es damals
nicht im heutigen Sinne; wenn man in Agram oder Brixen, Klagenfurt oder Brünn grosse Unterneh-
mungen vorhatte, brauchte man sich in den seltensten Fällen berühmte Kräfte aus Wien, Prag oder
Venedig zu verschreiben; überall, selbst in kleinen Orten, wie Bruck an der Leitha, Hainburg, St.Pölten,
Krems, Steyr, Wiener-Neustadt, gab es genug Meister aller Kunstzweige, welche den Anforderungen
genügten, — von den geistlichen Stiften gar nicht zu reden, welche seit Menschengedenken geradezu
förmliche Kunstpflanzstätten in ihren gastlichen Mauern unterhielten.

Aber selbst in Wien und Prag, den wichtigsten und glänzendsten Heimstätten unseres Barocco,
ist diese üppige Fülle des Kunstlebens mit den heutigen Verhältnissen gar nicht in Vergleich zu bringen.
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