Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 8.1893

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I 14 Gercke, Vulneratus deficiens.

die Kombination meines Erachtens widerlegt. Six glaubt selbst beobachtet zu
haben, dafs der Krieger des Vasenbildes Myronische Art verriethe: »und auch
formell steht das Werk Myronischen Werken sehr nahe, Beinstellung und Lage des
Körpers sind dem Diskobolen verwandt und trotzdem dem Marsyas zu vergleichen:
es ist, als ob zwei Myronische Motive verarbeitet wären zu einem Ganzen, das des
Myron nicht unwürdig wäre«. Wenn man mit Recht soviel aus dem Vasenbilde
herauslesen kann und darf, so würde folgen, dafs wir es hier mit Myron und nicht
mit Kresilas zu thun haben. Denn eine Beeinflussung des Kresilas durch Myron ist
unbezeugt und unbewiesen. Freilich hat Brunn, Künstlergeschichte I S. 264 sie ange-
nommen: aber statt sich darauf zu berufen, lehnt Six Brunns Kombination ab und
nennt, sehr unglücklich, sie einen Vergleich, der im Grunde nur auf einem Wort-
spiele [itveufxa: as&jjia] beruhe (S. 188). Allein Brunns Zusammenstellung des Vulne-
ratus deficiens mit Myrons Ladas, »dem ja auch das Leben nur noch auf den Lippen
zu schweben schien«, war ein viel schwerer wiegender Versuch, die Kunst des Kre-
silas historisch festzulegen: denn das Problem, das die Künstler beschäftigt hat, ist
bei beiden Statuen dasselbe. Nur braucht man die Lösung der Frage, ob diese
Verfolgung desselben Problemes bei Myron und Kresilas in einem ursächlichen Zu-
sammenhänge stehe, und wenn, in welchem, die Lösung dieser Frage braucht man
heutzutage nicht mehr von der Kombination litterarischer Notizen zu erwarten,
nachdem es gelungen ist, Repliken von Werken beider Künstler nachzuweisen, und
da weitere Nachweise in Aussicht stehen. Aber selbst wenn die Vergleichung
solcher Werke eine Abhängigkeit des Kresilas von Myron ergeben sollte, was die
Chronologie beider Künstler mir nicht wahrscheinlich macht, so würde man immer
noch Bedenken tragen müssen, ein Kunstwerk, in dessen kleiner Nachbildung man
mit Mühe die Eigenthümlichkeiten zweier Myronischer Werke erkannt hat, auf
Kresilas zurückzuführen. Wer also Myrons Kunst in dem Vasenbilde und seinem
Vorbilde sieht, mufs die alte Kombination des Pfeilgetroffenen mit der Inschrift
des Kresilas und dem Verwundeten des Kresilas bei Plinius aufgeben.
Aber auch wer den feinen stilistischen Beobachtungen nicht zu folgen ver-
mag und in dieser Beziehung sich freie Hand wahrt, kann die Pliniusstelle mit dem
Vasenbild nicht vereinen. Der Vulneratus deficiens, in quo possit intellegi, quantum
restet animae, bedeutet einen tödtlich Getroffenen oder, wie Brunn es wiedergiebt,
einen sterbenden Verwundeten; der Krieger des Vasenbildes vertheidigt sich da-
gegen tapfer mit der Lanze entweder zusammenbrechend, wie Six meint, oder
zurückweichend, wie anzunehmen auch möglich ist. Dafs diese muthige Fortsetzung
der Vertheidigung sich schlecht mit dem Wortlaute des Plinius vereinigt, hat auch
Six empfunden, den Anstofs aber durch eine Interpretation zu heben versucht, die
mir gewaltsam scheint.
Mit Hülfe Nabers hat er die Worte des Plinius ins Griechische zurücküber-
setzt (xsxptotiivov ocTTayopsuovTa, sv <j> satt [wohl saxi] guviSsiv, oaov exi icveup-axo? böxi Xoi-
ttöv: dies vortrefflich) und glaubt dadurch einen zu seiner Kombination passenden
Sinn gewonnen zu haben (Anm. 9). Er übersetzt nämlich den Zusatz »so dafs man
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