Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 26.1911

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MINOISCHE RHYTA.
(Hierzu Tafel 7—9.)
Seit einem Menschenalter ist der silberne Stierkopf des IV. mykenischen Schacht-
grabes *) bekannt, ohne doch recht gewürdigt zu werden. Denn leider ist seine Ober-
fläche so stark oxydiert und zerfressen, daß er nicht mehr zur vollen Wirkung gelangt;
und die Abbildungen bei Schliemann (Mykenae 327 f.; Schuchhardt, Schliemanns
Ausgrabungen 280) und Perrot-Chipiez (Histoire de l’Art VI 821) können vollends
keine Vorstellung seiner einstigen Schönheit geben. So wird er hier, mit Herrn Stai's’
gütiger Erlaubnis, zum ersten Male würdig publiziert (Tafel 7, 8), nach Photo-
graphien, die ich Kurt Müller verdanke.
Aus einem Stück starken Silberblechs ist der ganze Kopf getrieben. Die
gesondert gearbeiteten und eingesetzten Ohren bestehen aus Bronze, die außen mit
Silber, innen mit Gold überzogen ist. Dünnes Goldblech ist auch für die Rosette
verwendet, die ein Bronzestift auf der Stirn festhält, ferner für die mächtigen
Hörner, deren Kern wohl aus Holz bestand 2), endlich für Nüstern und Lippen. Die
Goldverkleidung der Unterlippe ist verloren, das Loch in dieser stammt nicht etwa
von einem jene Verkleidung einst haltenden Stifte: dazu ist es zu groß und zu sorgsam
gebohrt. Auch sind außer der Rosette die erhaltenen Goldbleche alle bloß auf-
gepreßt und -gekittet, nicht festgenagelt.
Auf dem Nacken sehen wir ein kreisrundes Loch mit scharf profiliertem
Rande (Durchm. 0,015, Abstand vom Rande des Nackens 0,055 m)> dahinter einen
aufgelöteten, ösenförmigen Anhänger aus dickem Silberdraht, dessen Enden sich zu
Spiralen aufrollen. Er ragt nicht über den Nackenrand vor. Dieser selbst war
leicht auswärts gebogen, wie man trotz der Zerstörung an mehreren Stellen, besonders
rechts vom Anhänger, erkennen kann. Offenbar griff da ein Boden oder Deckel über,
der wohl aus dünnem Silber oder silberverkleideter Bronze bestand, aber keine Spur
zurückgelassen hat. Im Inneren des Kopfes sind noch geringe Reste einer Ver-
kleidung, eines doppelten Bodens aus dünnem, glattem Silberblech erhalten. Von
den Augen ist nur die vertiefte Höhlung mit dem eingravierten Kreise der Pupille

Athen, Nat. Mus. Inv.-Nr 384, Stai's, Guide du
Musee nat. 38. Die wichtigsten Maße sind: Höhe
von Schnauze bis Stirn 0,155; H. mit den Hör-
nern etwa 0,30; Stirn bis Nackenrand 0,115;
größter Hörnerabstand 0,18; Abstand der Hörner-
ansätzeo,o8; Öffnung der Rückseite 0,12 :0,09 m.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXVI.

2) Sie sind am Original falsch angesetzt, richtig auf
Gillierons Nachbildung Abb. 3; zu dieser s. unten
S. 253. Die Klischees von Abb. 3, 9, 17, 18 hat
uns die Geislinger Metallwarenfabrik freundlichst
zur Verfügung gestellt.

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