Kunstgewerbliche Rundschau: Verkündigungsblatt des Verbandes Deutscher Kunstgewerbevereine — 4.1897

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4. Iahrgang L7r. 5.

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Bezug der „Zeitschrift^^ scrmnrt der „Kunstgewerblichen Rundschau": Durch den Buchbandel, die s)ost oder die verlagshandlung R. Mldenbourg in München, !klk. l6
p. a.; die Mitglieder des Bayer. Runstgewerbe-Vereins (Iahresbeitrag Mk.) erhalten die „Zeitschrift" sannnt der „Runstgewerblichen Rundschau" unentgeltlich. — Die „Zeitschrift"

erscheint jährlich in (2 Monatsheften.

L^erausgeber: Bayer. Runstgewerbe-Verein (ssfandhausstraße 7). — Redaktion: ssrof. L. Gnielin (Luisenstraße (8).

Druck und verlag uon R. Dldenbourg in München, Glückstraße

KtiMeikli liH Liitillürfm voil Lbiiard Kriitzns.

(lhierzn die auf etwa »s der wirkl. Größe reducirten Abbilduugen 67—76.)

xr hättc nicht schon seine helle Freude gehabt an den
köstlichen Bildern Lduard Grützner's?! Die reiche Phan-
tasie und der unversiegbare lhumor des unermüdlich
vB fleißigen Aünstlers erzählcn nns da ganze Geschichten
von den Leckerbissen der Alosterküche und von den feinen
Troxfen des Klostcrkellers, von übermüthigen Iägern und launigen
Pfarrherren, von seuchtfröhlichem Beisammensein und tragikomischen
Zufällen u. s. w. Aber man kann nicht immer Geschichtcn erzählen
oder Bilder malen; der Drang nach Abwechslung, mehr noch das Be-
dürfniß, jdhantasie und Aönnon an der Wirklichkeit zu bereichern und
aufzufrischen, treibt den Aünstler immer wieder hinaus, um von Neuem
den Segcn cingchender Naturbetrachtung auf sich herabkommen zu
lassen. Auch die Bemühnngeu zahlreichcr Akalcr, sich auf irgend einem
Gebicte der Aleinknnst zu vcrsuchen und hier irgend welche eigcnartige
künstlerische Gcbilde hervorzubringon, lassen sich zum Theil auf diescn
Drang nach Wechsel in der Thätigkoit zurückführen. Aommt dazu ein
regenreicher Sommer, der den auf Naturstudien hinausgezogcnen Maler
in seine vicr Wände einschlicßt, so kann es leicht passiren, daß der
arbeitsfrohe Künstler von der Natur soviel als möglich zu sich herein-
nimmt und zu bsause mit dem Stückchen Natnr macht, was ihm behagt.

So ist es Meister Grützuer ergangeu; so sind die Servietten und
Tafeltücher für den Gebrauch in der eigenen Familie entstanden, von
denen wir eino kleine Auslcsc in diesen Blättern abdrucken. Der

Begeisterung für die Feinheiten der
Naturformcn hat die Aünstlcrhand
willig ihre Dicnstc geliehen, indem
sie das was Feld und Wald, Wiese
und Garten boten, auf der Lein-
wand getreu abzeichnete, und der
stickenden Nadel die Wege wies.
Gattin und Tochter des Aünstlcrs
sind es, die die Nadel so trefflich zu
führen verstanden, daß man in den
Abbildungen nicht Stickereien, son-
dern Zeichnungcn zu sehen vernieint.

Akan kann nicht ohne Bcrech-
tigung Linwände stilistischer Natur

gegen derartige Stickereien erhoben; aber die Frische und Uumittelbar-
keit in welcher diese so zu sagen vom Wege aufgelesenen Sträuße direkt
auf das Linnen gezeichnet sind, das Verständniß, mit welcher die
stickende kfand den Bleistiftlinien gefolgt ist und dieselbeu ihrer Bedeu-
tung und ihrein werth gemäß in Fadenzüge übersetzt hat, werdcn
auch dem strcugsten Stilxuristen illnerkennung abzwingen. Verhältniß-
mäßig selten, aber dafür auch mit umso besserer Mirkung sind einzelne
kleinere Flächen durch Strichlagen gefüllt. Aoin pslanzliches Gebilde
ist dem Aünstler zu sxröd erschienen, um nicht auch in der einfachen
Strichdarstellung durch ein im Vergleich mit dem Zeichnen immerhin
umständliches Verfahren einer Verwendung fähig zu sein. Gräser
und kveiden, Erdbeere und Rose sind bei den Stilstickereien unserer
Damen alltägliche Dinge, wenn auch in sehr trauriger Verfassung;
abor lVollblumen und Tllrkenbund, Broinbeerstaude und Salbei, oder
gar holzige Alxenrosen- und Apfelzweige, das sind schon schwierigere
Aufgaben, und nun vollends eine Wetterdistel oder ein Latschenzweig!
Die zeichnerische Vollkonimenheit, die durch die Nadelführung nicht
die geringste Einbuße erlitten hat, läßt in der That ganz vergessen,
daß solche ln ihrer xerspektivischen und malerischen Lrscheinung voll-
kommen tadellosen Pslanzenbilder dem Zwecke des damit geschniückten
Gegenstandes und der Natur des kNaterials einigermaßen widersxrechen,
— daß sie nnter Uinständen fllr den Gcbrauch des Gegenstandes cin
chinderniß stnd: sie entfremden den Gegenstand seinem Zwecke, indem sie
Scheu vor seinem Gebrauch er-
wecken — ganz abgesehen davon,
daß man sich mit eincr Serviette
um so weniger gerne den Nlund
abwischt, je natnrgetreuer z.B. eine
Distei auf derselben dargestellt ist.

Daß dieses Tischgedeck thatsäch-
lich noch nicht gebraucht worden ist,
weil dessen Schönheit die Eigen-
thümer davon zurückhält, bestätigt
nur das Gesagte; aber an der
Trefflichkeit der Nadelzeichnung
kann man sich trotzdem aufrichtig
freuen.

67.

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Runstgew. Rundschau. 4. Iahrg. (897. Nr. 5. (Bg. (.)
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