Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 30.1877

Page: 54
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1877/0054
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
22

Mtofciapplfitiff umf ilie „Kowlies" im Danzig.

Eine lustige HistoNe.

In Danzig, der guten alten Stadt,

Die mancherlei Raritäten hat

Und treffliche Burger auch nicht minder,

Gibt's eine Gattung, Menschenkinder,

Die werden „Bowkes" zubenannt.

So berühmt sind sie, so bekannt,

Daß eine Schilderung und Erklärung
Kein Zeichen wäre von Verehrung.

Schon Wantrup —ach, wo ist er blieben?-
Thät' diese Art besonders lieben;

Verkehrte mit ihnen spät und früh,

Gab sich mit ihnen große Müh',

Sie patriotisch anzurauchen,

Um sie als „wahres Volk" zu brauchen.
Wohl möglich, daß seit dieser Zeit
DeS „Bowke" derbe Tüchtigkeit
Bekannt geblieben bei frommen Männern
Und ihnen half zu andern Gönnen,.

Genug, das Centrum faßt de» Beschluß,
Daß man die „Bowkes" gewinnen muß,
Um Herrn Landmesser durchzubringen.

Mit Bowkenhilfc muß es gelingen!
Warum auch nicht? Der „Bowke", wißt,
Für jede Sache begeistert ist,

Wenn mit der Sache Schnaps sich eint;
Nur trocknen Sachen, ist er feind.

Doch wenn „Machandel" reichlich fließet,
Dann sich sein großes Herz erschließet, -

Gar opferfreudig und baß erbaut;

Er reflcctirt nicht, er — trinkt und haut.

Um nun die „Bowkes" zu gewinnen,

Wird Einer von gar feinen Sinnen,

Herr Schröder-Lippstadt, abgesandt
Ins altberühmte Weichselland.

Herr Schröder, in der alten Veste
Angekommen, wird dort aufs beßte
Begrüßt mit „Lachs", der dort zu trinken;
Dann führt man mit frendiglichen Winken
Ihn alsobald in das Local,

Das genannt wird Selonke's Saal,

Wo allbereits versammelt waren
Die „Bowkes" in unzähligen Schaaren.

Ein kleiner Schreck thät Schrödern packen,
Wie er so viel geblümte Jacken
Und so viel rothe Gesichter schaut;

Ihm doch ein ganz klein wenig graut.

Aber Landmesser, der Prälat,

Alsbald erinuthigend zu ihm trat:

„Zeigt nun — KreuzbombenelemenI! —

Herr Schröder, daß Ihr reden könnt!"

Herr Schröder auf die Tribüne steigt,
Alsbald ein „Bravo" sich „eräugt",

Das nur vergleichbar dem Geheule,

Wenn mit dem Wolf sich zankk die Eule.
Herr Schröder seine Red' beginnt
Und unverzagt sie weiter spinnt.

Oft unterbricht ihn Beifallstosen
Der Männer in geflickten Hosen —

Ein Gröhlen, Johlen, Grunzen, Pfnatzeu,
Ein Mauen wie von elftausend Katzen,

Ein Brüllen, als ob im Kampfe wären
Afrika'S Leu'n mit Asiens Bären.

Der Ängstschweiß Schrödern »iederträuft,
Er doch stets wieder zum Worte greift;

Thät' über Canossa sich verbreiten,

Ueber Culturkampf und schlechte Zeiten
Und über die Jnfallibilität;

Kein „Bowke" davon ein Wort versteht.
Doch als er endlich kommt zu Ende, -
Da schwanken fast deS SaaleS Wände,

So wild erhebt sich der Beifallssturm;

Es ist, als ob ein Pulverthrmn
Aufflöge, als ob daS Höllenthor
Zerplatzte. Noch nie in Schröders Ohr
Ward solch ein „Bravo" hineingegröhlt.
Was half es? — Rickert ward gewählt.

Jndeffen drinnen schon zum Hauen
Sie übergehn, hat sich mit Grauen
Herr Schröder-Lippstadt still gedrückt.
Und draußen spricht er: „Daß mir's geglückt.
Davonzukommen mit ganzen Knochen,

So viel hält' ich mir kaum versprochen!
Das ist eine Art, die hat eine Art,

Wie keine Art sonst geboren ward!

Mir zittem noch vor Angst die Glieder —
DaS that ich einmal und thu's nie wieder!"

«G Kluge der Domherren bon Mnmburg und Merseburg. 0^

26ir arme-.:, armen Domherrn! Was haben wir gethan,

Daß unS der Staat — o Leiden! — die Renten will abschneiden,
So wir bezogen ha'n?

Wir sein, wie vorgeschrieben Statut und Regula,

Einmal in jedem Jahre gezogen zum Altäre
Der Stifts-Lootesia.

Dann ha'n wir uns versammelt zur FrühstückS-Tabula
Und ha'n mit feur'gcn Zungen dabei voll Brunst gesungen
Permulta cantica.

Wir lebte» wie die Vöglein, davon schon Salomo
Bezeugt, daß sie nit säen, nit eggen noch auch mähen
Und dennoch singen froh.

Wir hielten frumb zusammen nach ritterlicher Art
Und ha'n durch Trank und Atzung erfüllt der Kirche Satzung,
Wie uns verordnet ward.

Wir Raum- und Merseburger ha'n manchen Tag hindurch
Gezecht beim Faß bedächtig; und also thate» nächtig
Auch Die von Brandenburg.

Uns will man itzt austreiben, nicht Die von Brennabor!
Wir sollen schimpflich dürsten, sie aber als wie Fürsten
Fortzechen wie zuvor!

O Welt, o Falk, o Menschheit! O undankbar Geschlecht!
Wie seid ihr so böswillig! Denn was dem Einen billig,

Das ist dem Andern recht.

Wenn sich die Brandenburger vor nichts, das sie gethan,
Auf Renten dürfen wälzen, dann woll'n wir vor'S Faulpelzen
Auch unsre Rente ha'n.

Herr von Kleist-Retzow veröffentlicht im „Cons. Votksfr." folgen-
den Dank:

„Den treuen westfälischen Männern des Wahlkreises Herford-Halle
sage ich meinen herzlichen Dank. Daß Sie mich zunächst ohne mein
Wissen als Ihren Candidaten aufstellten und dann gegen meinen aus-
drücklichen Willen festhielten und wählten, läßt mich in solcher Wahl
den Willen Gottes sehen, dem ich mich nicht entziehen möchte."

Auch wir danken den erleuchteten Westfalen, daß sie unfern berühmten
Freund a»L der Urne gehoben haben, und wünschen, daß die Wahl nicht
etwa wegen eingestandener Beeinflussung von Oben her beanstandet
werden möge.

Am Ali(jöeutungcn oorjuöeugen,
erkläre ich hierdurch, daß ich meine Wanmng und Bitte: ,,'I'vd; 5- >313 ^ /. o u«
xal Ypawött; [iiltou; ^apaixüü-“ — an den Timotheus (I., 4, 7)und nicht
an die Elb-Athener oder Elb-Florentiner gerichtet habe. Das Letzte«
hätte ich schon deßhatb unterlassen, weil ich wnßte, daß cö ja doch vergeblich
sein, und wohin die Wahl dieser Gemeinde sich wenden würde!

. _Paulus, geb. Saulus.

Der Kaiser von Brasilien hat kürzlich den Aetna befliegen. Jetzt weiß
er, was manche andere Fürsten nicht wiffen wollen, obgleich sie gar nicht
nöthig hätten, zu diesem Behuf erst nach Sicilien zu reisen: wie einein
Herrscher zu Muth ist, der auf einem Vulcan steht.

m
loading ...