Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 30.1877

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Berlin, drn 3. Juni 1877.

XXX. Jahrgang.


Ar. 2«.

0öl!kMvoikciikaüiusec.

Montag, den 4. Juni.

Aus seinem Höllcnpalaske
Aussteigt Herr SatanaS i
All', waS ich da hör' und schaue,
tzürlvuhr. das freut mich büß!

Dienstag, den 5. Juni.

Nur lustig Geld und Pulver
Und Schweiß der Völker verpufft!
Juchhei! Dreihundert Türken
Flogen heut in die Luft!

Mittwoch, den 6. Juni.

Da liegen Russe» und Türken
Verröchelnd hinzcstrcckt!

Von, Blute dampfe» die Felder —
Welch herrlicher Aspect!

Köllmwoiüeillllileiuler.

Donnerstag, den 7. Juni.

Aus Trümmern der Stadt'.und Dörfer
Aufwirbelt schwarzer Rauch'

Von frisch geschmorten Heiden —

Welch aromat'schcr Hauch!

Freitag, den 8. Juni.

Hier Flüche der Wuth und Verzweiffung,
Dort Thrünen und Schmerzgestöhn —
Wie wohl thut's meiner Seele!

Wie klingt das gar so schön!

Sonnabend, den 9. Juni.

Drum wünsch' ich recht von Herzen
So Christen als Heiden den Sieg.

Und hoch der — heilige Krieg!

Kladderadatsch.

HumoriII i Ich - satirisches TUüdjmrifnH.

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Äs

n

dem stillen prunkgemnchc,

Fern des Tages lautem Treiben,
Sitzt der „Sieger" Abdul Hamid
Und beschäftigt sich mit Schreiben.

Jeder Sultan must den Koran
Mit höchsteigner Hand ropircn,
will er strästich nldjt sein Anrecht
Auf das Paradies verlieren.

Wenn er dann auf irgend eine
Weife schied vom Erdenlcben,

Wird ihm dir besagte Abschrift
3n sein Grabmal mitgegcbr».

Also sieht man auch den jetz'gcn
Tapfer», geistcsgegcnwärt'gcn
Sultanus damit beschäftigt,

Seinen Koran anzufert'gen.

Auf die glatten Pergamente
Malt er Suren über Sure»',

Joch es zucken um den Mund ihm
Stillen Gähnens leichte Spuren.

„Herrlich" — spricht er — „ist der Horan,
„Jeder Glöub'ge must es sagen;

Aber wär' er etwas dünner,

Würd' er mir noch mehr behagen.

Manchmal körnt ich doch nicht gänzlich
Oie Kemertzung unterlassen:

Hin und wieder konnte kürzer
Sich der Herr Verfasser fassen!" —

wieder schreibt er; aber plötzlich
Fährt ec aus: von fern erschallen
Laute. Stimme», gelle Rufe,
vast die Säle widcrhallcn.

Mit verstörtem Angesichte
Uaht der Grostvezicr dem Sultan:
„Schlimmes künd' ich, hoher Herrscher!
Höre Leinen Unecht mit Huld au:

Durch die Stadl in wilden Haufen
Tobt der aufgeregte Sofia;
wo er gar nichts hat zu suchen,

Ist er immer unverhofft La.

Trotzig reden sie, sic wollen
Ihren Mid hat wieder haben;
Dcspcetirlich spreche» über
Dich und mich die frechen Knaben.

Die Empörer flugs zu bringen
In Len pflichlgcmästcn Ruhstand,

Setzen wir sofort die ganze
Hauptstadt in Srlag'rungszustand!


Doch ich rathe, schlimmsten Falles
In Ergebung dich zu fassen;

Schrecklich sind in ihrem wüthrn
Ucvolulionärc Massen!" —

Sprach'- und ging, Der stcgcsrciche
Sultan sank in tiefes Zinnen.

Plötzlich schlug'er zu den Koran:
„Unverständiges beginnen!

Soll ich hier auf Efclshäutc
Kunstreich malen krause Zeichen,
während meines Hcrrschcrthroncs
Fugen auscinanLcrwcichrn?

weg die Feder! Ach, ich selber
Sitze bald wohl in der Tinte;

Weh'! nach Herrschaft steht und Leben
Mir mein Volk, Las falschgesinnte.'

Ja, wie Aziz oder Murad
Kann ich morgen schon verfließen!

Driint will heut ich noch 'mein Leben
Als vcrständ'gcr Mann geniesten.

Herrscht im Land einst wieder Frieden,
will ich wiederum mit wahrem
Eifer meinen Koran schreiben!" —
Sprach'- und ging — in seinen Harem.

Kladderadatsch.
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