Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 30.1877

Page: 608
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LOS

llcnclir Nachrichten.

Aus dem russischen Hauptquartier vor Plewna. Nun ist es 1 .
Heraus, was man so lauge geschickt zu verheimliche» gewußt hat. Der
„Nvivers" hat es herausbekommen und sogleich auch gedruckt, daß Gras
Moltke von Berlin auS alle Operationen der russischen Armee leitet.

^ Diese Nachricht beruht, so sehr man sich auch sträubt cg cinzugcslehe»,
auf Wahrheit. Daher der plötzliche Umschwung zu Gunsten der russischen
Waffe». Neuerdings ist nun auch zwischen Berlin und dem russischen
Hauptquartier eine Telephon-Verbindung hcrgcstellt worden, welche
fleißig benutzt wird. So fragte man neulich per Telephon bei Moltke
an: „Was sollen wir thun, um Mehemed Ali an dem Entsatz Plewna's
zu verhindern?"

„Haut ihm!" — lautete die sofort dmch den Sprcchdraht zurück-
kommende Antwort des einsylbigen Schweigers. Wie klug eS war, diesen
Rath zu befolgen, hat die Erfahrung bald darauf bestätigt.

Aus der Crcmerwelt. Der Abgeordnete Cremer ist, wie er selbst
erzählt, auf sieben Monate nach Baiern gegangen, „um Sigl und Ge-
noffcn, wenn möglich, zur Raison zu bringen." Daß ihm das nicht glucken
würde, konnte jeder Verständige voraussehen. Verwunderlicher scheint, daß
es Sigl und Gcnoffen in den sieben Monaten nicht gelungen ist — Herrn
Cremer zur Vernunft zu bringen.

Ans Paris. DaS „Geschäftsministerium" scheint schlechte Ge-
schäfte machen zu wolle». Man hofft aber allgemein, daß bald ein
Ministerium deS Vergnügens an seine Stelle treten wird.

Aus Moyerswaldc. Zu Ehren des hochrittcrlichen (gesunden oder
kranken) Herrn von Meyer soll im hiesiger Stadt ein großer Geschlechts-
tag Derer von Meyer veranstaltet werden. Damit die Zahl der Ge-
schlechtsgenoffen möglichst groß werde, soll auch denen von Meier,
von Maier, von Mayer, von Mcuer und von Moycr der Zutritt
erlaubt sein. Eine Oelsarbendrnckcrei ist mit der Anfertigung der zur Aus-
schmückung des FestsaaleS bestimmten Ahnenbilder, welche biS in die
Zeit der Krenzzüge, ja selbst der Makkabäer, zurückrcichen sollen,
beauftragt.

Von Dicst und Dabcr. Die beiden Orte Dabcr (Kr. Nangard)
und Diest (Kgr. Belgien, Provinz Suid-Brabant) sind darum eiugc-
kommen, ihre Name» verändern zu dürfen. Motiv: „Diesten und
Dabern" sei neuerdings als eine Redensart von unangenehmer Bedeutung
aufgekommcn.

Aus Jagdkreisen (Anstage.) Wenn dcr„Ueberläufer" nun einmal,
statt den Sec oder die Tanncnbcrge „anzunehmen", in einen gerade vor-
beifahrenden Bah »zu g springt — was dann? Muß ihm die Jagdgesellschaft
per Extrazug folgen, und hat die Meute im Hundecoupe die Dampfjagd
mitzumachen? Können ferner in einem solchen Falle die Veranstalter der
Parforcejagd angehaltcn werden, für den „Ueberläufer" Fahrgeld zu zahlen,
oder fährt er als blinder Paffagier mit?

Aus Java. Auf Java wurden, wie der französische Naturforscher
LcBeauvoir berichtet, in einem Jahre 273Menschen vonTigern, 158 von
Krokodilen verzehrt. Wie günstig steht Java gegenüber Berlin da, wo
in jedem Jahre Tausende von Menschen durch vergiftete Brunnen, verfälschte
Nahrungsmittel und feuchte Wohnungen ums Leben gebracht werde»!

Von der Börse. „Lustlosigkeit" und „Flauheit" wollen noch immer
nicht weiche». Auch auf die Börsenblätter ist, seit die „Bethciligungen"

aufgehört haben, der Mehlthau der Schwerniuth gefallen. Der auf ihr
lastenden Verstimmung gab vor Kurzem eine Börsenzeitung auf folgend-
ehrliche Weise Ausdruck:

„Ach, wie ist die Welt verdrießlich!

Alles kommt mir traurig vor,

Alles schal und unersprießlich,

Und mich freut, ach! kein Humor.

Dennoch würde mir nicht fehlen
Appetit zu gutem Mahl,

Könnt' ich nur noch einmal — gründen,

Wie ich, ach! vor Jahren — gründete!

Aus Japan. So eben ist i» Japan der erste Eisenbahnnnsal,
vorgekomnien. Allgemeiner Jubel im Lande. Man betrachtet sich jetzt uü
wirklich unter die Culturstaaten der alten Welt eingetreten. In Manchem
aber dürste Japan »ns schon „über" sein. So stihrt z. B. die ofjxciöft
Zeitung von Japan den Namen „Nitschi Nitschi Schimbuni". M
langweilig und nichtssagend sind dagegen die Namen unserer osficiöseo
Blätter!

Aus Macmahonicn. Um Demonstrationen vorzubeugen, wie sie neu-
lich bei der Aufführung von „Hcrnani" durch ein unschuldiges „J’ysuis“
hervorgerufcn wurden, hat man beschlossen, das Hilfsverbiiin „vtro" auf
unbestimmte Zeit abznschaffen. Was hilft — sagt man — ein Hilst,
verbnm, wenn c8 nur den Gegnern Beistand leistet? Fort mit ihm!
DaS „y“ wird vermuthlich bald Nachfolgen. Vielleicht auch das „Je“!

Ans Bukarest. RnmLniens „Unabhängigkeit" ist gesichert. Ce-
bald sie feierlich erklärt ist, wird Rumäniens Schicksal nur »och dam
abhängen, was — Rußland mit ihm anzugeben beabsichtigt. .

Aus Serbien. Am I. Dccembcr soll cs wirklich loSgchen. Für alle
Fälle sind aber doch rothe Zettel gedruckt worden.

Aus Nigritien. „Der Nigritier" — sagt llr. Robert Hartmaiin
— „weiß sich leicht in den Geruch der Heiligkeit zu bringen." Sollte
das nicht eine Charaktereigenthümlichkeit aller Schwarzen bilden?

Vom Circus Saloinvnsky. Große Bewunderung erregt der 420 Psd
schwere Mann, welcher mit verbundenen Augen zwischen 64 Eier» einen
Tanz aufführt. „Seht, Kinder" — sagte ein gerade anwesender, fon/l iwler
den Linden residirender Minister — „jetzt könnt ihr euch eine »ngesähre
Vorstellung von der Schwierigkeit meiner Stellung niachen!"

Ans Constantinopel. So eben wurde wieder ein Staatsroih nbge-
halten. Die Frage war: „Was können wirzurBesteiungOsmanPascha's
thun?" — Alles war rathlos. Endlich kam dem Großhcrr» selbst ein glück-
licher Gedanke. „Schreiben wir ihm einfach" — sagte er — „er solle ipierona
verlassen!" Das gefiel Allen, und sofort wurde das bezügliche Schriftstück
aufgesetzt.

Aus dem Vatican. Als neulich der Papjt, da eine Französin iba
beim Handkuß die Hand zu heftig drückte oder auch ihn in dieselbe bis,
einen „gellenden Schrei" aussticß, soll sofort mit schmunzelndcin Gesitl
Ledochowski, der etwas Anderes dachte, zum Vorschein gekommen sei».
Als er. sah, daß es noch nicht so weit war, zog er sich düster zurück.

„Lieber noch Virchow als Den!" — sagte der im Grunde chiW
Pio Nono, als ihm der Cardinal aus den Augen war.

c^) Fruiklrtv«.

Der 'pnji(l c

i Ärzl.

Fort mit dem Schröpfkopf, fort die maledetta
Blutsaugerisch teuflische copetta!

Mich hat, ich schwör's bei meiner Seel',

Genug geschröpft — Victor Emanucl!

In Rußland, und zwar zunächst in Riga hat ein „Verein gegen das
Hutabnehmen beim Grüßen" die behördliche Bestätigung und die Erlaubnis!
erhalten, den Mitgliedern als äußerliches Erkennungszeichen eine mit dem
rothen Kreuz gezierte Marke zu geben. Sonderbarer Weise niachen viele
Ruffen Opposition gegen diese» Verein, indem sie sagen: ES gibt zwar hohe
Herren z. B. die in Bulgarien geschlagenen Generale, denen wir am
liebsten — gar nicht begegnen, und vor denen wir gem bedeckt und behütet
bleiben möchten; aber eS gibt doch auch Männer, z. B. die Sieger von
Kars, vor denen jeder Russe den Hut ziehen muß.

Lilles schon dagewejen.

Ist das ein Staunen in der Welt ob diesem Telephon, als na4
eine neue Erfindung: Und doch war cs schon den alten Römern befonnt.
Horaz hatte eins aus seiner sabinischen Villa, welches mit dem tclephM
tischen Centralburcan zu Rom in Verbindung stqnd, und mittels dessen a
einmal bei dem dortigem Chef LycuL anstagte, wo er in Rom eine M
Nacht haben könnte

„Quo Odium protio eaäum

Aereomur, qnis aqnam temperet ignibus,

Quo praobonto domum et quota
Pelignis caream frigoribus.“

Da ihm Sycus eine flegelhafte Antwort gab, so brachte er ihm e>«
telephonetische Katzenmusik: „Audiat invidus

Dementem strepitum Lycus.l:

So zu lesen in der Ode (III, 19) ad lizAswo

Philologus.

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