Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 52.1899

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Im axl'cllrrentszug.

Mil ängstlicher Sorgfalt war alles vermieden worden, was wie eine
Beeinflussung der Coinmiisivnsniilglicder hätte ausschen können, die sich
mit dem Sondcrzug in das künftige Canalgebict begaben. Die Abgeord-
neten »ins,ten sich sogar selbst beköstigen und lehnten jede Einladung zu
»ssiciellen Diners, die ihnen In einigen Städte» angeboten wurden, ent-
schieden ab. Indessen der Schein trügt.

Ein Schassncr des Sonderzuges ist von einem Spccialreportec des
„Berliner Lokal-Anzeigers" interviewt worden und hat solgcndes heraus-
gcbracht:

Der Minister Thielen trug nämlich zwei große Handtaschen mit
sich herum. In der einen befand sich sein Nachtzeug, aber in der anderen?

Der Schaffner traute kaum seinen Augen, als er den Minister dieser
Tasche eine mit Schlackwurst belegte Schrippe entnehmen und sie dem
Grafen Kanitz zustecken sah. „Nehmen Sic nur, Herr Gras," flüsterte
Thiele», „es ist keine Margarine."

Ein dankbarer Blick des von der Noth der Landwirthjchast aus-
gcmergelten Masorathsherrn belohnte den Geber, und nur ein leises
Zähneknirschen ließ errathcn, waS sich in seinem Innern nunmehr ab-
spielte. „Feiner Roslocker Korn", raunte »ach einer Weile der Versucher
dem Erbhcrrn von Podangen zu; und schluchzende Töne einer aus den
Kops gestellten Flasche legte» Zeugniß von den Seclenkäinpsc» des
Parlamentariers ab.

„Pst! Pst! Ein Freisinniger!"

Die Flasche verschwand so spurlos wie einer der von der Berliner
Eriminalpolizei noch immer gesuchten Mörder.

Immer weiter nach Westen jauste der Zug, der nicht mit dem des
Grafen Kanitz zu verwechseln ist, da nahte Thielen mit leise»

Eduard Si»ison

Die Alien schwinden! Wieder HIngcgangen
Ist einer, der in gut und böser Zeit
Sich dir allein hat, Vaterland, geweiht
Jit seinem Leben, einem reichen, langen.

Von edlem Sinn und ohne Furcht und Bangen,
Des Wortes Meister, ruhig und gescheit
Wie wen'ge, stand er in des Tages Streit,

Von Thorheil nicht noch Leidenschast besangen.

Nun ging dahin geliebt er und geehrt,
Verstummen muß um seinen Tod die Klage;

Er sah erfüllt es, was sein Herz begehrt.

Er hals erlebt, sein Sehnen ward gestillt,

Er nahm mit sich Erlnnrung großer Tage,

Aus denen rein und hell uns strahlt sein Bild.

Löökicher Eifer.

Die Reviere, in denen unser Kaiser der Jagd auf den Auerhahn
obliegt, werden oft schon vor seinem Eintreffen von den Geheimpolizisten
unsicher gemacht. DaS Erscheinen dieser Herren vergrämt ja den edlen
Vogel leicht, legt aber ein günstiges Zeugniß für dtc Wachsamkeit und
Pflichttreue der Polizei ab.

Augenblicklich ist die mit der Bewachung des Kaisers beaustraglc
Geheimpolizei eifrig dabei, sich mit einem Gebiet vertraut zu machen, das
ihr bisher ganz fremd gewesen ist. Der hohe Herr soll neulich den Wunsch
geäußert haben, einmal eine Auffahlt im Mililärballon mitzumachen.
Seitdem steigen täglich zwölf Geheimpolizisten in verschiedenen BallonS
auf, um sich mit dem Verkehr in den höheren Regionen bekannt zu machen
und später alle verdächtigen Elemente von dem kaiserlichen Lusljchiff sein
zu Hallen.

Die durch den „Rixdvrscr" bekannte jüngste Stadt Preußens Rixdors
hat beschlossen, - anläßlich der Bestätigung ihres ersten Bürgermeisters
Boddin an die Schwestersladt Berlin eine Adresse zu richten. Sie hat
folgenden Wortlaut; „Etsch, Etsch!"

Schritten den, Grafen Limburg-Stlrum. „Eins mit Limburger
oder mit Holländer?" lispelte der Minister.

„Beide!" war die zurückgehauchte Antwort, und die verzehrenden
Blicke des conscrvativen Führers hasteten auf der Thür, durch die soeben
der Abg. v. Eynern verschwunden war, um ein opulentes Gabelfrühstück
zu 2,50 M. im Speisewagen elnzunehmen.

„Fluch dieser Industrie!" ries der Gras, und seine Backen arbeiteten
convulsioisch. „Haben Sie noch Korn?"

Thielen erröthete über die Jndiscretion des Grasen Kanitz und
brachte die Flasche zum Vorschein, deren Boden noch mit kaum so viel
Flüssigkeit bedeckt war, wie die erbittersten Gegner es dem Canal In Aus-
sicht gestellt hatten. Die Gejichtssarbe verschiedener Agrarier ließ den
Zusammenhang diese? milden Roths mit dem Pcgelstand des Korns er-

„Jch habe noch mehr!" schmunzelte Thielen, indem er auf die Tasche
mit seinem „Nachtzeug" hinwies.

„Können Sie mir Ihren Sardlnenbüchscn-Oeffner borgen?" sragte
ein herantrctender Commlffar Seine Excellenz. Auch er war mit der
Geheimpropaganda für de» Canal beschäftigt.

lind so kam es, daß von Station zu Station die Stimmung für daS
Culturwerk günstiger wurde, und dankerfüllt segnete Thiele» die zarten
Hände, die ihm das nöthlge Material sür die Canalvorlage mit solcher
Umsicht ln die Taschen gepackt halten. Die Zukunft wird lehren, ob der
Umschivung In den Ansichten der Canalgegner anhält. AlS Beleg für
die Wahrheit seiner Angaben händigte der Schaffner dem Reporter aus;
4 leere Sardlnenbüchsen, eine geleerte Pastelensorm (Straßburger), 8 leere
Flaschen «Korn, Gilka, Aquavit) vierzig Zeitungsblätter mit Fettflecken.

Alle diese Gegenstände werden demnächst im Depeschensaal des „Berliner
Lokal-Anzeigers", Unter den Linde», zur Ausstellung gelangen.

Doch darf des Rums
Nicht zu wenig sein.

Ein paar Stück Zucker
Noch füg' Hinz»,

Dann hast den richtigen
Mailrank du.

Bei solchen Trank, der
Zu knapp nicht sei,

Am warmen Ose»

Erwart' den Mai!

Des Unholds kannst du,

Des BöjewichtS
Getrost dann lachen —

Er ihul dir nichts.

Von vielen Seilen
Man jetzt erfährt;

Es hat auch diesmal
Sich das bewährt,

Als greulich, gräßlich
Der Mai trat ein.

Drum soll der Maitrank
Gepriesen sein!

Ein findiger Hotclwirth i» Monaco empfiehlt seine Zimmer mit
eleganten Hängeböden und sichert seinen Gästen ei» kostenloses an-
ständiges Begräbniß zu. Er hat infolgedessen riesige» Zulauf.
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