Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 52.1899

Page: 278
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Gin Machtrag zu Le Sages „sinkendem Leusel"

"Tch möchlc mich jetzt einmal in einer fremde» Stabt »Nische»," sagte
Ss Don CleophaS, „Madrid mit meinen Landsleute» kcuuc ich »»»

„DaS kann gleich geschehen", erwiderte Asmodeus, und mit der
Schnelligkeit des Gedankens führte er den Studenten, der wieder den Zipfel
des Mantels feines Mentors erfaßt hatte, durch die Luft dahin und lies,
sich auf einer Thurmspitze mit seinem Begleiter nieder.

„Welche riesige Stadt!" ries Don CleophaS. „Wo sind wir? Wahrlich
hier »ins! man sehr sronim sei», ich sehe eine» Kirchthun» bei dem andern."

„Man konnte cs annehmen", meinte der Hinkende mit verschmitztem
Lächeln, „aber die Geistlichkeit hier zu Lande gibt einer andern Meinung
ans den Synoden Ausdruck. Gleichwohl sorgt sic unermüdlich für neue
Kirchciibauten und für Vermehrung der Kirchensteuern, »m die Gläubigen
an,zulocken." „Wunderbare Gegend!" bemerkte Do» Cleophas. „Man
baut also Brücken über trockenes Land, die niemand benutze» will. Aber
sprich, ivo sind wir?"

„Wir besindcn nnS auf dem RathhauSthurm' von Berlin. Schaut
hin! Ich nehme die Dächer von den Häusern und Ihr könnt nnnmchr
sehen, was darin vorgeht."

Welch ein Anblick bot sich jetzt dem Studenten! Ruhelos wälzte sich
da ein Mann in seinem Bette, von schweren Träumen gequält; er schlug
mit den Händen »m sich, traf dabei die Lampe ans dem Rachitisch, brachte
sic ins Wanken und fuhr mit einem entsetzlichen Schrei empor, als die
Scherben aus das Kopfkissen klirrend niedcrsielen.

„Es ist der noch immer nicht bestätigte Oberbürgermeister Kirschner",
erklärte Asmodcus. „Er glaubt soeben vom Roland von Berlin er-
schlage» zu sein."

„Ich habe davon gehört," sagte der Student. „Er soll vor nenn
Monaten schon gewählt sein. Wahrscheinlich will die Regierung beweisen,
dast cs auch ohne Oberhaupt geht. Aber was ist daS?"

„Das ist der Minister des Innern. Er glaubt in die Beine geschossen
zu sein bei einem VolkSanflaus. Wenigstens ist dies ans seinem Lächeln
zu schlicsicn; er lächelt nämlich immer, wenn ihm etwas Unangenehmes
passirt. Er hat soeben geträumt, er wäre Reichskanzler geworden, und
nach der Thatcnlosigkcit seiner Amtsführung zu urtheilcn, ist er zn diesem
Wahne berechtigt."

„Und wer ist jener komische Kauz, der soeben eine .Handvoll Erbsen in
einen Topf mit Wasser gethan hat und nun ein Glas davon trinkt?"

„DaS ist ein kleiner Rentier. Er hatte sein Geld in portugiesische»
Staatspapieren angelegt und glaubt, das, er nun, nachdem die deutsche
Flotte in Lissabon gewesen ist, wieder Zinsen erhalten wird. Augenblicklich
lebt er in der Vorstellung, das> ihm die Regierung eine Erdbcerbvwlc hat
ansctzc» lassen."

„Prosit!" ries Don Cleophas. „Es geht nichts über eine gute
Einbildungskraft. Doch was bedeutet jene Scene zwischen den beiden
Herren dort, die von einer lachenden Gesellschaft umgeben sind?"

„Das ist der Präsident des Reichstags, der seinen Biccpräsidcntcn,
Herrn v. Fregc, »nt Nasenstübern rcgalirt, weil dieser sich Functionen
aiigcmasst hat, die ihm nicht znkomnien, und Frege behauptet zum Gaudium
der Umstehenden, er habe daS nur gethan, »m Rajenstüber, die er über
alles in der Welt liebt, z» erhalten."

„Aber wer ist die Gestalt, die sich unter dem Stuhl von Fregc ver-
krochen hat? Sic ist jo veriiinmmt, dasi man sic absolut nicht erkennen kann."

„Pst! Pst! Habt Ihr nichts von dem hochangcschcncn liberalen Mit-
glied dcS Reichstags gehört, auf das sich Herr v. Fregc bcrnscn hatte,
uni seine Drohung, er werde die Jonrnalistenlribünc räumen lagen. zu
rechtsertigen."

„Freilich. Und wer ist dieser Gewährsmann?" „Das kann selbst der
Dciifcl nicht ranSkriegen", entgcgnetc ASmodens. „Summt, wir wollen
nach Madrid zurückkehren".

Zur Wärtyrergeschichte.

Endlich war die CharfreitagSvorlagc Gesetz geworden, und nun brach
sür die „Germania" und ihre Anhänger eine herrliche Zeit dioclctianischcr
Versolgnngen an.

Der Cnlturkanipf wüthcte, und daS Bier der katholischen Märtyrer
slvsi in Ströme», ebenso die Tinte in den Redactionen der Caplaiispressc,
die einen Märtyrcrkatalog als ständige Rubrik cingesührt hatte.

War da in Dingsda ei» guter Katholik am Charsreitag mit einem
hochbeladenc» Mistwagc» vor die protestantische Kirche gefahren, hatte mit
der Peitsche geknallt und sich in mnjorem ecclesiae gloriam geweigert,
vom Platze zn weichen. Wurde dieser treffliche Man», der sich darauf
berief, das, cs sich sür ihn »in einen Tranertag handele, den er ciitjprcchciid
begehen müsse, zu der unerhört hohen Geldstrafe von 15 Mark vcrnrthcilt.
Schosi da ei» Knäblci», so kürzlich zur ersten Beichte gegangen war, »>»
den Charsreitag als Tranertag leniitlich zn mache», ein Terzcrol während
des Gottesdienstes ab und wurde mit einem Tage Hast bestraft. Wahrlich
das Blut der Unschuldigen schreit zuni Himmel!

Hatte sich der katholische Aesellenvercin ivahrcnd der Kirchzeit ver-
sammelt und schob lieget, ganz versenkt in die Bcdcutniig des tiessten
Trauertagcs. Wurden da nicht sämmtlichc Vcreinsmitgliedcr mit einem
Strasmandat über 20 Mark bedacht! Wehe, wehe!

Aber die Katholiken werden sich nicht in der Ansübnng ihres Glaubens
hindern lassen, sonderst leben nach den Worten der JnbilüuinSbullc dcS
heiligen Vaters, die da laute»: „Alle sollen ans ganzem Herzen zu Gott
beten um die Erhöhung der Kirche, die Ausrottung der Ketzer, die
Eintracht der katholischen Fürste» und das Wohl des christlichen Volkes."

In Veranlassung dcS in Aussicht stehenden UcbertritteS der mit dem
Erbprinzen von Montenegro verlobten Herzogin Jutta zu Mccklcnbnrg-
Strelitz zur griechisch-katholischen Kirche hat, wie der „ReichSbote" schreibt,
die lutherische Strelitzcr Landgeisllichkeit eine Erklärung an de» Grosthcrzog
gerichtet, in der daS tiefste Bcdancrn. über den bevorstehenden ConfessionS
wechscl ansgcsprochen wird.

Wozu daS? Lieber sollte man sich doch an die Jutta wenden. Wenn
ihr Schatz sie wirklich lieb hat und sic ihm ordentlich zuredet, wird er ja
doch natürlich protestantisch. Und wenn er dann auf die Thronsolgc ver-
zichten imijj und z» ihr nach Mecklenburg-Strelitz zieht, wer weist, ob es
nicht das Beste sür ihn ist.

Auguste Zchulhc,

China hat Rustland erlaubt, in Peking eine russische Tolmctschcrschnlc
einzurichten, und dazu sogar die Kosten bewilligt.

Don der A ö r f t.

A. Sagen Sic einmal sünsundzwanzig mal hintereinander Laufs!

B. Mit Bcrgnügcn. <Er thut es.)

A. Sic sagen ja immer Flau?

B. ES kommt mir auch so vor.

B. Sv haben Sie vielleicht »»bcivnstt das Richtige getrosten und die
allgemeine Stinimiing des PublicnmS wicdergcgeben.

Sarah Bernhardt hat in Paris unter grostcm Beisall de»„Hamlet"
gespielt.

Wir haben nie die Hostiinng anigegcben, die graste Französin einmal
als Fettdamc auftreton zn sehen,tdenn wir ahnten, dast ihr unvergleichliches
Genie gerade von der scheinbar nicht z» überwindenden Schwierigkeit der
Aufgabe angczvgcn werden würde. Jetzt ist unsere Hostiinng zur Gcwist-
heit geworden: schon stellt sic jette Männer ans der Bühne dar, denn .Hamlet
ist seit »ach der Ansjagc seiner Mutter, die es doch wissen must. Von den
fetten Männer» bis zur Fettdamc ist nur ein Schritt, den alle sechten Kunst-
freunde mit Jubel begrüsten werde». Nur Mnth, Sarah!
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