Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 56.1903

Page: 660
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Der neue Parlamentsalmanach

für das Preußische Abgeordnetenhaus soll illustriert erscheinen. Die
Idee, die Volksvertreter im Bilde weiteren Kreisen näher zu bringen,
ist sehr glücklich, um so mehr, als nian sich nicht mit einfachen Porträts
begnügen, sondern jeden einzelnen in einem besonders charakteristischen
Moment zur Anschauung bringen will.

So ist z. B. Dr. Diederich Hahn dargestellt, wie er sich mit
einem Melkkübel dein Zicgenbock des armen Mannes nähert. Ein
zweites von ihm zur Verfügung gestelltes Bild (Dr. Hahn auf einem
Zuckerrübenfeld eine Sense schwingend) mußte von der Almanach-
redaction wegen Natnumangels abgelehnt werden.

Dasbach hat eine Photographie eingcsandt, die ihn mit einer
Laterne in der Hand wiedergibt: er sucht einen evangelischen Professor
als Gutachter in dem Hocnsbroechischen Prozesse.

Graf Kanitz ist in dem Moment vom Photographen erfaßt
worden, wo er über seiner Rede gegen die Bevorzugung der Industrie
eingeschlafcn ist.

Dom Grafen Limburg-Stirum liegt ein Bild vor mit einer
der Regierung dargebotcnen offenen Hand, und das diplomatische
Lächeln verräth, daß er bereit ist, vom üppigen Handel Schiffahrt-,
abgaben 'entgcgcnzunehmen.

Die meisten Conservativcn haben sich in der Ausübung ihres Mandats
auf der Jagd aufnehmen lassen, wenn sie cs nicht vorgezogen haben,
als Canalgcgncr den Augenblick ihrer wohlverdienten Beförderung zur
bildlichen Fixierung zu wählen, wobei. sich die oft christliche Ergebung
dieser Herren in ihr hartes Schicksal in den gramzerstörten Zügen wider-
spiegelt.

Bei den vom antisemitischen Pastor a. D. Krösell gelieferten
Bildern steht die Redaclion vor der Wahl, ihn zu bringen, wie er von
einem Amtsbruder beim Abschiede umarmt wird, oder wie er seipc
Wirthschafterin uniarmt.

Eugen Richter sieht traurig drein: augenscheinlich dachte er
während der Aufnahme an seinen Freund Dr. Barth, den er bei den
Einigungsbestrebungen der Liberalen in dem neuen Hause an seiner
Seite vermissen »uiß.

Die Minister haben leider sämmtlich die Einsendung von Photo-
graphien abgelehnt mit Rücksicht darauf, daß die beständig schwankende
Haltung der Regierung kein gutes Bild erwarten lasse, außerdem wisse
man nie, wie lange u. s. w.

Möge dieser Almanach auf dem Weihnachtstisch keines Politikers

Hin und her

Am. Montag hat das Gericht beschlossen
Zi, verhaften Jacobsen'und Genossen,

. Am Montag.

Drum erhielten gut geheizte Zellen
Und eigne Bedienung die acht Gesellen
Am Dienstag. -

Doch sah man schon einen nach dem andern
Erhobenen Hauptes-ins Freie wandern
Am Mittwoch.

Und wieder war ein Beschluß ergangen,

Die Freigelassenen einzufangen
Am Donnerstag.

Jacobsen, Thoinssen, Schmidt, Petersen, Lassen,
Olussen, Sonntag und Vogel,sie fassen
Am Freitag.

Allein kaunr waren sie eingesponnen,

Hat das Gericht sich anders besonnen
Am Sonnabend.

Nun können auf den Wechsel der Zeilen
In aller Ruh sie sich vorbereiten.

Am Sonntag.

Ehe die 82 Socialdcmokraten in das Reichstagsgebäude eintraten,
versammelte August, der Eommandierende, sie noch einmal und sprach:
„Genossen! Manche unter euch sind ja recht unangenehm, aber thut
mir den einzigen Gefallen und betragt euch ein bischen nett! Schimpft
wenigstens nicht vor all den Leuten auf einander so gräßlich."

Zur Militärliteratur

Scene auf einem Regimentsbureau.

Ordonnanz. Der Herr Thcaterdircckor wünscht den Herrn
Obersten zu sprechen.

Oberst. Lassen Sie den Kerl eintretcn. (Es geschieht.)

Director. Sic haben gewünscht, Herr Oberst?

Oberst. Sie haben mir Beyerleins „Zapfenstreich" vor der
Aufführung eingereicht. Geht nicht.

Director. Aber, Herr Oberst, bedenken Sie mein Geschäft, den
kolossalen Kasjenerfolg. Ich lasse ja so wie so allerlei militärische
Stücke, „Wallenslein", „Die Jungfrau von Orleans", den
„Veilchenfresser" aussühren, und der „Zapfenstreich" Hai sogar in
Berlin an sehr hoher Stelle Beifall gefunden.

Oberst. Geht nicht. Garnison und Garnison ist ein Unterschied.
Kommt nächstens so'n Schmierfink und dramatisiert Vilses Roman.

Direetor. Ist schon geschehen, Herr Oberst. Habe das Stück
hier; eignet sich vorzüglich zu Casino-Vorstellungen.

Direktor. A propos „Veilchonfressor". Könnte Ich nicht vielleicht
den „Zapfenstreich" geben und ihn auf dem Zettel als „Veilchen-
frosser" ankündigc» lassen?

Oberst. Unsinn! Geben Sie den „Veilchenfresser" und nennen
'Sie ihn meinetwegen „Zapfenstreich". Das zieht auch.

Director. Ein rettender Gedanke, empfehle mich gehorsamst,
Herr Oberst.

Kaum ist die Frage eines Loreley-Denkmals angeregt worden,
so. spricht man auch schon davon, daß Erzbischof Hatto auf dem
Mäusethurm bei Bingen ein Denkmal gesetzt werden soll. Er soll
dargcsiellt werden in dom Augenblick, in dom er zu seinem Schrecken
plötzlich unzählige Mäuse sieht. Woher das Mnusesohen bei ihm ge-
gekommen ist, wird durch seine Haltring angcddutct. Ferner soll da,
wo die Lahn in den Schein mündet, ein monumentales Wirthshaus
errichtet werden, geziert mit den Marmorstatuen des Wirthes, der
Mithin und des Knechtes.

Wer weiß einen Reim auf Ruhstrat?
Tausend Stimmen rusen „Ruhstatt!"
„Schlecht gereimt", sagt der Miirister,
Denn nicht ruhbedürstig ist er.

Der hinemgelegte Fiscus

„Zweimalhunderttausend Mark!" rief der Fiscus, während ihm
aufrichtige Thränen über die Backen liefen, „zwsimalhunderttaufend
Mark Kosten, das ist kein Hund. Soviel auf einmal auszuspcien ist
kein Vergnügen, zumal wenn man von Haus mehr an das Einhamstern
als an das Vergeuden gewöhnt ist. Zweimalhunderttausend Mark
Kosten! Alle Wetter und Schwerebrett! Und das alles nur, um der
Presse wochenlang einen pikanten Unterhaltungsstoff zu liefern, eine
zweifelhafte Geburt annähend sicher zu stellen, einen jungen Staats-
anwalt allgemein bekannt zu machen und unzähligen Maruschken aus
dem fernen Osten Gelegenheit zu verschaffen, die Wunder'der Hauptstadt
des deutschen Reiches, auf billige Manier, kennen zu lernen. Heiliger
Justinian und noch heiligerer Brimborius! Wie die Schlachzitzen
bei ihrem Festessen aus mein Wohl angestoßen haben mögen, ein Herz
und eine Seele, nachdem sie vorher Todfeinde gewesen waren! Nun
hoffe ich aber sehr, daß keiner wieder die Hand rührt, wenn es sich
darum handelt, einem ungewissen Bengel ein Majorat zu verschaffen."
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