Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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Warum spricht die religiöse Dichtung in Symbolen, und warum
liegen in der Natur die göttlichen Wahrheiten nicht offen zu
Tage? Ficino antwortet: "Es war Brauch der antiken Theologen,
die göttlichen Mysterien mit mathematischen Symbolen und poe-
tischen Bildern zu verhüllen, damit sie nicht unbedacht allen
preisgegeben würden" (215). Die bildschöpfende Dichtung sei ein
Schleier (velamen): ein Mittel zum Verbergen und zugleich zum
andeutenden Uebersetzen der "divina mysteria". Entsprechend der
Meinung Ficinos und Picos (216) formuliert Konrad Celtis in
seiner Antrittsrede an der Ingolstädter Universität 1492: Die
alten Dichter hätten mit ihren Gestalten, Bildern ("figuris")
und Gleichnissen ("fabulis") so die Natur der Dinge umschrie-
ben, dass die Erkenntnis des Heiligen der uneingeweihten Menge
verborgen bleibe; denn diese Dichter hätten gewusst, dass eine
offene und entblössende Zurschaustellung ihrer Erkenntnisse na-
turwidrig wäre, daher man solches Wissen unter einer geziemenden
Verdeckung und unter einem weihevollen Schleier verkünden müsse
(217). Vadian drückt denselben Gedanken aus und fügt hinzu: Nur
den Weisen sei es erlaubt, den Schleier der natürlichen und
göttlichen Geheimnisse zu lüften, d.h. klar zu durchschauen, was
die einfachen Seelen dank der dichterischen Bilder doch wenig-
stens zu ihnen vermögen (218). Annius von Viterbo schreibt in

(215) Garin 1947, lo8. S. auch Anm. 387.

(216) D.P. Walker in: Journal of the Warburg and Courtauld In-
stitutes XVI, 1953, lo6 f..

(217) Celtis 1932, 8 (auch bei Celtis/Forster 1948, 56 f.; vgl.
Bezold 1883, 212 mit Anm. 3): "essent poetae, qui suis
figuris et idoneis fabulis ita naturas rerum transtulerunt,
ut sacrarum rerum notio vulgo occulta esset, scientes
ini.Tiicam esse naturae apertam et nudam expositionem sui,
ideo eam sub honestis operimentis et sacramentali quodam
velamine enuntiari debere." Vgl. auch Celtis (1381, 12o)
Epigr. V 85: Die Druiden-Priester (s. oben Anm. 152) ver-
walten ihre geheimen Bücher "in vulgum ne serpant sacra
profanum, / Mandentur magicis vel sacra verba dolis" (mit
magischen Trugmitteln - vgl. unten Anm. 383).

(218) Näf 1944, I, 29o und 341: Vadian, De Poetica, Cap. 16,
über die "fabula", ausgehend von des Macrobius Kommentar
zum "Somnium Scipionis" des Cicero, den Vadian 1512 und
1518 ediert hat (zum Cicero-Kommen-
tar des Macrobius s. Wind 1958, 78 ff. u.a.).
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