Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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VII.4. Der göttliche Stern.

VII.4.a. Die herkömmliche Deutung des Sternes.

Die Formqualitäten der beiden Bildnisse, die den naturmagi-
schen Vorstellungen der Humanisten entsprechen und in Apollo
mythisch verkörpert zu sein scheinen, werden übertönt vom
Reinen und Leuchtenden: von den intensiven Farben und von der
Reinheit des Himmels. Die aufwärts gerichteten Augen Cuspi-
nians streben dem Reinen und Höheren zu. Am Himmel über dem
aufblickenden Cuspinian sind zwei offensichtlich bedeutungs-
volle "figurae" einander gegenüber gestellt, deren Sinn bis
zu einem gewissen Grad unmittelbar veranschaulicht ist:
Ein Stern erstrahlt übernatürlich am hellichten Tageshimmel
zwischen den Zweigen des Baumes hervor (419a); in einer etwas
tiefern, dem Porträtierten näheren Region wird eine dämonisch
blickende Eule von Tagvögeln verfolgt, weil sie einen der
ihren erbeutet hat. Licht und Dunkelheit, vielleicht das
Uebernatürlich-Geistige und das Animalisch-Dämonische, be-
gegnen sich. Der Stern und die Eule über Cuspinian einerseits
und die beiden merkwürdig verbundenen Vögel über der Braut
andrerseits stehen vermutlich in irgend einer schicksalhaften
Beziehung zu den porträtierten Menschen. Wer sich auch nur
wenig in den antiken Autoren auskennt - wer z.B. wie Cuspi-
nian die Schrift Ciceros "De divinatione" gelesen hat (42o) -
weiss, dass die Alten dem Vogelflug eine von den himmlischen
Mächten bestimmte Aussage Uber das menschliche Schicksal zu-
geschrieben haben (421).

(419 a) Der Stern ist mit Echtgold gemalt: eine reichlich be-
messene Zone, auf welche das Himmelblau allseitig
anfransend übergreift; einige Strahlen wurden nach
unten mit Gelb verlängert.

(420) Cicero, De
divinatione Ii, I 17, I 48 u.a.; im Ii. Buch wider-
legt Cicero allerdings systematisch das im I. Buch

von seinem Gesprächspartner über alle Formen der Mantik
Vorgebrachte.

(421) Cranach hat selber später um 15o8 in einem Holzschnitt,

der den Opfertod des Marcus Curtius darstellt, die rC-
misch-antike Szene mit merkwürdig formierten Vogelzügen

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