Kranzbühler, Eugen; Heyl, Cornelius [Oth.]; Illert, Friedrich M. [Oth.]
Worms und die Heldensage: mit Beiträgen zur Siegel- und Wappenkunde, Münz- und Baugeschichte der Stadt — Worms: Stadtbibliothek, 1930

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EPOS UND CHRONIK

Man sollte meinen, daß eine so alte Stadt wie Worms von einem üppigen Sagen-
kranz umrankt sei. Wohl ist sie bekrönt von der königlichen Krone der deutschen
Heldensage, als deren Schauplatz sie unvergeßlich im Gedächtnis derMenschen wohnt.
Aber außerhalb des Sagenstoffes, der in der Epik des Mittelalters auf uns gekommen
oder daran fortgebildet worden ist, vermag man kaum eine wirklich alteWormser Sage
mit Sicherheit nachzuweisen. Was neben der großen Heldensage herläuft, ist, soweit
zeitlich verfolgbar, zumeist spätestes Mittelalter, manches belangreiche davon aus jü-
discher Quelle.
Vom Reichtum karolingischer Sagen und Legenden fällt auf die Stadt Worms,
für die doch Karl der Grosse und manch anderer seines Geschlechts von nicht geringer
Bedeutung war,nur ein schwacherAbglanz.Das wird den nicht besonders überraschen,
der weiß, wie wenig gerade Deutschland allgemein für eine epische Entwicklung der
Karlssage getan und wie sich diese erst wieder um das 12. Jahrhundert von Frankreich
her in Deutschland eingebürgert hat. Von dem westfränkischen Brennpunkt der Karls-
sage aus huscht in Verbindung mit der Rolandssage ein vereinsamter Strahl über die
Stadt. Er kommt von der zu Beginn des 12. Jahrhunderts entstandenen Chronik des
Turpin, der „Lebensgeschichte Karls des Großen und seines Neffen Roland“, her,
einem Werk, das als Geschichtsquelle durchaus ungeeignet, für die Sagenkunde da-
gegen von erhöhtem Wert ist, weil hier das Bild des legendären Karolus Magnus zu-
sammengefaßt ist, wie es Volksphantasie und Dichter und zwar schon bald nach des
großen Kaisers Tod geschaffen haben mochten. Es ist die Erzählung von der wunder-
samen Eroberung der Stadt Grenoble (Gratianopolis) und der Befreiung des beiWorms
belagerten Karl des Großen durch seinen Neffen Rotholandus (Roland). Sie ist in den
Chroniken von Worms — auch der anderen rheinischen Städte — völlig unbeachtet
geblieben, obschon Turpins Chronik eine der volkstümlichsten Schriften des Mittel-
alters gewesen ist. Allein, wie die auf uns gekommenen Handschriften zeigen, ist jene
Erzählung nicht überall dem Turpin-Text einverleibt gewesen1. Die ältesten Drucke
dieser Chronik, die von dem benachbarten Frankfurt ausgingen2, konnten den Wormser
Chronisten diese Sage ebenfalls nicht vermitteln, weil sie gerade in diesen Ausgaben
fehlt. Auch das Worms der Neuzeit hat bei seinen geschichtlichen Nachforschungen
diese Spur nicht gefunden. Schuld daran mag die Ueberlieferung selbst tragen, die mit
weniger beachteten oder fehlerhaften Namensformen mitunter kaum mehr erkennen
läßt, daß es tatsächlich die Stadt Worms ist, die da mit dieser Sage in Beziehung ge-
setzt wird. Es ist hier nicht möglich, dies an Hand der zahlreichen Turpin-Hand-
schriften (es sind etwa fünfzig) im einzelnen zu verfolgen. Es wird vielmehr genügen,
einige herauszugreifen.
In einer besonders sorgfältigen Turpin-Handschrift des 12. bis 13. Jahrhunderts
ist folgendes zu lesen3: Roland habe Grenoble mit einem großen Christenheer sieben
Jahre lang eingeschlossen gehalten. Da habe ihm ein Bote verkündet, daß sein Oheim
Karl in einer Feste in der Gegend der Stadt Warnacia von drei Königen, nämlich
der Vandalen, der Sachsen und der Friesen, und ihren Heeren belagert werde und
daß er ihn um schleunige Hilfe und um Befreiung von den Heiden bitte. Roland über-
legt sich, was er tun soll. Drei Tage und Nächte fastet und betet er. Da stürzen am
dritten Tage ohne menschliches Zutun ringsum die Mauern von Grenoble ein, die
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