Kranzbühler, Eugen; Heyl, Cornelius [Oth.]; Illert, Friedrich M. [Oth.]
Worms und die Heldensage: mit Beiträgen zur Siegel- und Wappenkunde, Münz- und Baugeschichte der Stadt — Worms: Stadtbibliothek, 1930

Page: 84
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DIE SIEGFRIEDSRELIQUIEN
Grenzt das bisher Gesagte das Thema zum einen Teil mehr nach der negativen Seite
ab und gibt es zum anderen Teil einige lockere Striche zu dem hier angestrebten
Bild, so betreten wir mit diesem und den folgenden Abschnitten den sicheren Boden
positiver Überlieferung von zweifellos ausgesprochen örtlicher Färbung, wenn auch
im allgemeinen unbestimmten Alters. Man wird da finden, daß sich das alte Worms
Merk- und Erinnerungszeichen seiner Heldensage geschaffen hat, wie sie nach Art
und Zahl keine der anderen Städte, die im Kreis der alten Heldenlieder liegen, aufzu-
weisen hat.
Die Nachrichten über die Siegfriedsreliquien — sein Grab, seinen Stein, seine
Lanze — stammen, soweit sich die frühesten Nachrichten verfolgen lassen, aus einer
Epoche, wo der Verflachung der Sage entsprechend, Siegfried bereits zum Riesen
geworden war, wie denn im Lauf dieser Abwärtsentwickelung schließlich die Haupt-
figuren der Heldensage mehr oder minder Riesenqualität erlangt haben.
Ob sich an die Gegenstände, mit denen Siegfrieds Name in Worms verbunden
war, bereits vorher eine selbständige Sage von irgendeinem ungenannten Riesen
anschloß und erst später eine Verbindung beider hergestellt worden ist, wird kaum
auszumachen sein. Eine gewisse Unsicherheit tritt in einzelnen Nachrichten deutlich
insofern hervor, als zunächst von einem Riesen gesprochen und dann mit einer ge-
wissen Zurückhaltung hinzugefügt wird, dies sei der Hürnen Siegfried gewesen. Es
könnte aber auch so sein, daß Siegfrieds Name ursprünglich ist, dann zeitweilig ver-
gessen gewesen und schließlich wieder aufgetaucht ist. Immerhin scheint aus der
Gesamtheit der Nachrichten ein gewisser dualistischer Zug unverkennbar hervor-
zugehen.
SIEGFRIEDS GRAB
Im Süden der Stadt standen beim Kloster Mariamünster zwei alte Gotteshäuser, die
Cäcilien- und die Meinhartskirche auf einem zwischen Klostermauer und äußerem
Stadtwall gelegenen Friedhof2 (Abb. g). Südlich davon, unmittelbar vor dem Wall, lag
der „Heidenkirchhof“ (in der Abbildung bei „8“). Er war zu Ende des 17. Jahrhunderts
mit Bäumen bestanden3 und im Unterschied zu dem angrenzenden Gelände nicht
intensiver landwirtschaftlich benutzt. Die Ausgrabungen der 1890er Jahre haben an
dieser Stelle römische und fränkische Gräberfelder zutag gefördert4. In dem Raum
zwischen den beiden Kirchen und in einem gewissen Abstand von ihnen soll, wie
Gaspar Bruschius 1551 schreibt, der Hürnen Siegfried, der Wormser Riese, beerdigt
gewesen sein, von dem noch ein deutsches Gedicht „Der hurnin Seyfrid“ vorhanden
sei. Der Grabhügel („tumulus“),sei mit zwei, aus der Erde hervorragenden Steinen be-
zeichnet. Er habe ihn selbst gemessen, seine Länge betrage 45 Fuß5. Von Siegfried
selbst weiß er bei diesem Anlaß nur die erstaunliche Größe und die bewundernswerte
Kraft zu erwähnen. Es ist unveranlaßt, hierzu zu bemerken, daß Bruschius „ungenau,
nur nach Hörensagen“ berichte6. Er will doch selbst das Grab abgeschritten haben.
Auch seine Beschreibung des Klosters Mariamünster läßt erkennen, daß er in Worms
gewesen sein muß. Dafür spricht auch die von ihm mitgeteilte Nachricht über die in
Worms aufbewahrte „Lanze“ Siegfrieds und über die Untersuchung seines Grabes,
örtliche Einzelheiten, die er zu seinerzeit in keiner Druckschrift finden konnte. Auch

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