Kranzbühler, Eugen ; Heyl, Cornelius [Oth.]; Illert, Friedrich M. [Oth.]
Worms und die Heldensage: mit Beiträgen zur Siegel- und Wappenkunde, Münz- und Baugeschichte der Stadt — Worms: Stadtbibliothek, 1930

Page: 200
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Kriemhild und Brunhild von demselben Meister, sowie —Sinnbilder froher wie böser
Tage der Stadt — der lachende und der weinende Drache von Bildhauer Jobst in
der Vorhalle, endlich die Nibelungenfresken von Schmoll von Eisen werth im Fest-
saal. Vor der Stadt steht Hagen, wie er den Nibelungenschatz in den Rhein versenkt
(von J. Hirth), und als jüngstes Denkmal auf dem Marktplatz Adolf Hildebrands
schönes Werk, der Siegfriedbrunnen. An der Stelle, wo die Altvordern vor über vier-
hundert Jahren Nievergalts Fresken entstehen ließen, bilden diese Werke die grad-
linige Fortsetzung alter Ueberlieferungen, auf die die Stadt allzeit mit Recht stolz
gewesen ist. Zwar finden wir keine oder fast keine Spur davon, daß das Nibelungen-
lied in Worms jemals lebendig gewesen sei, doch vielerlei und zum Teil in eigener
örtlicher Färbung weiter geformt von Siegfried. Darum kann sich Worms nur in
dem Sinn die Nibelungenstadt nennen, daß hier der Nibelunge Not zum großen
Teil ihren Schauplatz hat, nicht aber mit der Meinung, daß hier — vor Beginn des
ig. Jahrhunderts, wo der vaterländische Aufschwung auch diesem größten deutschen
Epos den verdienten Platz wieder eingeräumt hat — das Nibelungenlied irgendwie
besonders lebendig dem Volk vor der Seele gestanden hätte. Siegfriedstadt ist Worms
dagegen immer gewesen. Es gibt ein stolzes Wort der Edda, das von beispielloser
Einschätzung eigenen Sagenstoffes zeugt: Siegfried (Sigurd), der ruhmreichste Held
aller Zeiten, dem kein anderer zu vergleichen ist, in dem die germanische Welt mit
einer Einstimmigkeit, die in keinem zweiten Fall wiederkehrt, die höchste und schönste
Erfüllung ihres Heldentums anerkannte32,
„umwoben von Ruhm, bis die Welt vergeht,
wird nimmer drum dein Name schwinden“.33
Dies Wort der Edda darf hier hervorgeholt werden, weil ihre Sigurdsage ja am Rhein
wurzelt. Wenn bis jetzt eine Stadt im deutschen Sprachgebiet die alte Weissagung
wahr gemacht hat, so ist es Worms gewesen, wo die Erinnerung an Siegfried im
Leben der Geschlechter niemals erloschen ist, wo sie auch nicht, wie sonst am Rhein,
unter Einflüssen namentlich von Österreich und Bayern aus, durch Dietrich von
Bern überschattet worden ist. Wo anders hat irgendein Liebling der Sagenwelt in
solchem Grad und in so handgreiflicher Form — in volkstümlichen Erinnerungs-
malen, wie seinem Grab, seiner Lanze, seinem Stein, oder in künstlerischer Gestalt
von solchem Ausmaß, wie in den Malereien an der Münze — nicht nur getragen von
der Teilnahme einzelner literarisch interessierter Kreise, sondern im Auftrag der
Stadt, aus dem Volk, für das Volk öffentlich auf den Marktplatz gestellt, eine solche
Verehrung genossen? Aus keiner deutschen Stadt wüßte ich dem irgend etwas ver-
gleichbares zur Seite zu stellen.

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