Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 72.1922

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PROFESSOR Dr. ing. h. c. FRITZ v. MILLER

<Aufnahme von Prof. F. E. Smith)

FRITZ VON MILLER

VON GEORG JACOB WOLF

An der Nymphenburger Straße in München,in der
südöstlichen Ecke des Gartens am Erzgießer Miller^
Haus, breitet ein mächtiger Eichbaum weitschattend
seine Äste aus, ein rechter Patriarch unter den Bäumen,
der auch, wie es sich für einen Patriarchen ziemt, seine
Geschichte und seine Überlieferung hat. Dieser Baum
erwuchs einst als schwankes Reis zwischen zweiPflaster-
steinen in Bruck bei Fürstenfeld,- dort hatte ihn — es
war noch tief in vormärzlicher Zeit — der Erzgießer
Ferdinand Miller, der selbst ein gebürtiger Brueker
war, ausgehoben, nach München versetzt und durch
sein erstgebornes Söhnlein Fritz im Garten neben dem
neuerbauten Hause einpflanzen lassen. Der Vater war
sich des Symbolhaften dieser Handlung bewußt,- das
Söhnchen ahnte es wenigstens: daß wie dieser Baum
der junge Fritz Miller und das Glück des Millersehen
Hauses wachsen und gedeihen und daß der Eichbaum
wie ein ernster Zeuge den Lebensweg der Angehört
gen und Genossen dieses Hauses beschatten sollte.

Und so geschah es. In Freud und Leid war die Eiche
die Gefährtin Fritz Millers. Sie sah die Spiele des
Knaben und seine Kindheitsträume, war noch ein klei-
nes, schwaches Stämmchen, als die Revolution von
1848 auch nach München ihre Ausläufer sandte, er-
lebte das große Bavaria^Fest, den stolzesten Ruhmes^
tag der Erzgießerei und Vater Millers, sah die Söhne
des Hauses in die Fremde ziehen und war nun schon
ein stattlicher Baum, als sie heimkehrten und ihr eige-
nes Hauswesen gründeten. Für den Einzug der Sieger
von 1870/71 konnte die Eiche Kränze spenden, und
wie sich ihre Krone immer breiter und stolzer wölbte,
wie sich Ast an Ast und Zweig an Zweig setzte, so
wuchs die Familie, der sie gleichsam als ein lebendiges
Mitglied zugehörte, wuchs Ruhm, Geltung und An-
sehen des Hauses. Freud und Leid begleitete sie als
stille Zeugin, sah Tage der nationalen und der häus-
liehen Trauer, sah Deutschlands tiefe Erniedrigung
und winkte um die Jahreswende 1922 dem treuen,

Kunst und Handwerk. Jahrgg. 1922. 1. und 2. Vierteljahrsheft

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