Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 72.1922

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DAS AUSSTELLUNGSJAHR 1922

DIE LEBENSÄUSSERLING EINES BESIEGTEN VOLKES

DEUTSCHE GEWERBESCHAU
DER NEUE STIL / DAS MODERNE UND DIE KIRCHLICHE KUNST / EINZELNES
KUNSTGEWERBE IM GLASPALAST

Im Jahre 1871 wurde ein Reich von seinem Nachbar*
reich besiegt und nach einem politisch wie wirtschaftlidi
außerordentlich maßvollen Frieden in die altgewohnte
Beschäftigung zurüdcgeführt. Damals jammerte man in
ganz Frankreich über die paar Milliarden Gold, als ob
das ganze wirtschaftliche Leben zerrüttet wäre. Und
nach ein paar Jahren eröffnete die durch nichts gebeugte
Hauptstadt an der Seine die große Internationale Aus»
Stellung, die auf Jahre hinein die Vormadit Frankreichs
auf den meisten ausgestellten Gebieten begründete.
Aus einem Besiegten wurde wieder einmal der Sieger.

Auch Deutschland hat einen Krieg verloren. Auch
Deutschland muß zahlen. Audi Deutschland hat ein
Ausstellungsjahr, wie es selbst im dicksten Frieden
kaum eines zu verzeichnen hatte. ÄußerlicheParallelen!

Der am stärksten verwundete Körper zuckt am
meisten und hat den stärksten Drang nach neuer Ge»
sundheit, nadi Festigung des Lebens. Die deutschen
Ausstellungen dieses Jahres sind also mehr der Willen
zur Wirtschaft, zum Wiederaufbau, als die öffentliche
Diskussion am Objekt über Stil»Entwiddung. Das
Grundproblem für alle ist mehr oder weniger die Frage:
Wie kann unter größtmöglicher Ersparnis an Material,
das häufig als fast unerschwinglich teurer Rohstoff im»
portiert werden muß, eine Ware erzeugt werden, die
durch ihre stoffliche Gediegenheit und geschmaddiche
Form den Inlands» und namentlich Auslandskäufer
anreizt? Linter den größeren Ausstellungen dieses
Jahres ist besonders die Miama in Magdeburg, die
Dresdner Ausstellung und die Überseewoche in Hain»
bürg auf diesen Gesichtspunkt eingestellt.

Wird sich Deutschland wirtschaftlich wieder erheben?
Wollte man diese Frage nach den gegen wärtigen trauri»
gen innerpoliüsdien Verhältnissen, nach derZerklüftung
unseres Vaterlandes durch zwecklose Parteikämpfe, die
immer das Politische dem Wirtschaftlichen voranstellen,
beantworten, so wären wir auf lange Zeit in hoffnungs»
loser Katastrophe begraben,- aberglüddicherweisegeht
die Tatkraft über die politische Debatte, der Schaffens»
wille vieler tausender innerlich ungebrochener Deut»
scher über all dies Unerfreuliche hinweg und sucht sich
seinen eigenen Weg, der fern von der politischen Kon-
junktur liegt, seinen eigenen Weg ins — Ausland.

München sieht dieses Jahr seine ganz große Aus»
Stellung: Die Deutsche Gewerbeschau. Auch
diese will mindestens zu gleichen Teilen über die reichs»

Kunst und Handwerk. Jahrgg. 1922. 3. Viertelj'ahrsheft

deutschen Grenzpfähle hinaus, zum Ausland reden.
Man sagt von ihr: Sie bedeute den Sieg der jung»
deutschen Kunst, den Sieg des Expressionismus —
und alle Gegensätze in stilistischer Beziehung tauchen
erneut auf. An die Stelle ruhiger, sachlicher Betrachtung
tritt die Polemik und auf der einen Seite wird mit
gellendem Triumphgeschrei verkündet, die Reaktion,
die Tradition, die Anlehnung an vergangene Stile
liege endgültig am Boden, und das Recht des Indivl»
dualismus sei aus der „frommen Denkungsart der
selbstgerechten satten Bourgoisiekunst" für immer be»
freit. Man muß sich wundern, wie stark politisch eine
solche Kunstbetrachtungsweise ist, und wie sehr sie
die Grundbegriffe alles künstlerischen Schaffens über»
sieht. Kunst war und ist immer etwas Individuelles
und wenn der kulturelle Gemeinsamkeitssinn der ver»
schiedenen Perioden und Länder eine für uns heute
als Stil bezeichnete gemeinsame Formsprache aufweist,
so wird dem feiner und gründlicher schauenden Auge
nie verborgen bleiben, daß jedes einzelne Kunstwerk
einer Periode vom anderen gründlich verschieden ist
und zwar eben in dem, was künstlerische Potenz, also
das Individualisiische bedeutet. Nicht anders verhält
es sich mit der modernen expressionistischen Richtung,
und die vielgepriesene individualistische Betätigung
ist, wenn sie über das hinausgeht, was man an der
Kunst aller Zeiten feststellen kann, entweder eine hohle
journalistische Phrase oder aber meistens, namentlich
auf einer gewissen Seite, ein parteipolitisches Symptom.
Denn was ist dieser Expressionismus, wie er z. B. in
den meisten Werken der Dombauhütte zum Ausdrud<
kommt, anderes als eine brünstige Umarmung der sog.
frühchristlichen und romanischen Formensprache, wäh»
rend die letztvergangenen Jahrzehnte ihren Formen»
schätz eben aus der Gotik und der deutschen Renais»
sance bezogen haben? Es fällt uns selbstverständlich
nicht im mindesten ein, gegen den Expressionismus,
überhaupt gegen das Moderne in der Kunst zu polemi»
sieren und das Individualistische dieser von den genann-
ten Stilarten so abhängigen Richtung zu übersehen,- im
Gegenteiles ist nur zu begrüßen, daß auf der Deutschen
Gewerbeschau der moderne Stil sich unbehindert aus»
leben konnte. Dadurch wird er von einer Märtyrerrolle,
die seine Bedeutung weit überschätzen und mindestens
alterieren würde, verschont,- die Bahn für eine objektive
Beurteilung ist frei.

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