Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 20.1839

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Kunst

u t 1.

Dienstag, öen 16. April 1839.

Das Forinschnittwesen in unfern Tagen.

Während der Kupferstich, die Mittel benutzend, ^
Ivelche eine immer sich vervollkomnincnde Praris, wie die
Entwicklung der mechanischen Künste ihm an die Hand
^aben, im achtzehnten Jahrhundert eine große Vollen-
dung erreichte, verfiel die alte Kunst des Formschnitts
immer mehr. Die schlechten Vignetten, welche noch für
löschpapierne Editionen gemacht wurden, erinnerten auch
nicht im Entferntesten mehr an das, was zu Albrccht
Dürer's und Hans Holbein's d. I. Zeiten geleistet wor-
den war. So wichtig der Formschnitt damals war und
so sehr er die kritische Sorgfalt verdient, welche, in Prin-
cipien wie in Resultaten einander widersprechend, Br ul-
liot, Heller, Ladorde, Maßmann, Rumohr,
Sotzmann, Weigel, Aoung Ottley u. A. seiner
Geschichte gewidmet haben; so wenig konnte er nachmals,
wenn man einige vereinzelt stehende Bestrebungen ans-
nimmt, auf den Namen einer Kunst Anspruch machen.
Doch auch für den Holzschnitt erschien die Zeit des Wie-
derauflebens, und schien auch, noch ehe er sich wieder
allgemeine Geltung verschafft hatte, die Erfindung der
Lithographie, dann die des Zinkdrucks ihm in den Weg
zu treten, so wurde sein Fortschritt dadurch doch nicht
eigentlich anfgehalten, und vielleicht nuztc ihm selbst die
dadurch veranlaßte Nebenbuhlerschaft. Seine überwie-
gende Zweckmäßigkeit stellte sich bald so glänzend heraus,
daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn ihm in
«»fern Tagen eine Aufnahme zu Theil ward, die man
vor nicht gar zu langer Zeit kaum für möglich gehalten
hatte. War es Anfangs die Schwierigkeit, den Kupfer-
druck, „och mehr aber den Steindruck, mit der Topo-
graphie zu verbinden, die wieder an den Formschnitt
denken ließ: so war cs nachmals, neben diesem Haupt-
gründe, der Grad künstlerischer Vollendung, dessen er,
wie man sich allmählig überzeugte, fähig war, der auch
zum Theil diejenigen Künstler zu ihm hinzog, denen es
um ein wenigst mittelbares Wicdergeben ihrer Ideen zu

thun ist, was sich wohl durch ihn am leichtesten bewerk-
stelligen läßt.

Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte des neuern
Formschuitts zu gebe». Eine solche wird dieser wieder-
crwachten Kunst nicht fehlen, über deren Theorie schon
manches sehr Verdienstliche gesagt worden ist. Die »ach-
folgeudcu Notizen beschränken sich lediglich auf kurze arti-
stische und bibliographische Andeutungen über das, was
mir unter der ungeheuer,, Zahl moderner Holzschnitte,
die mir zu Gesicht gekommen sind, der Beachtung am
meisten werlh scheint. Ich muß iudeß über die verschie-
dene Art und Weise, wie der Formschnitt behandelt wird,
einige Worte vorausschicken. Mehrere Künstler, und
darunter verdienstvolle, versuchen eine Nachahmung des
Kupferstichs. Unter den Deutschen nenne ich Gubiz,
Höfel und Unzelmann als sehr gewandt in diesem
Styl. In Frankreich war diese Methode besonders früher
beliebt. Ich will ihr Werth nicht absprccheu: für kleinere
Vignetten, Ornamente, Fleurons, C„is de lampe u. s. w.
ist sie immer mit vielem Erfolg anzuwenden. Meines
Vedünkens aber wenig für größere Arbeiten. Die Hin-
dernisse, welche das Material in den Weg stellt, sind zu
groß, und an Erzeugnissen dieser Gattung läßt sich am
Ende nicht viel Anderes loben, als die überwundene Schwie-
rigkeit. Die fehlende» Mitteltöne veranlassen eine Härte,
welche das Auge unangenehm berührt; die Uebergänge
sind zu schroff. Der Formschneider mag noch so gewandt
seyn: er kann mir dem Kupferstecher nicht rivalisiren,
wen» er dessen Technik »achahmen will. Aber er braucht
dies auch nicht: ein weites Feld ist ihm geöffnet, und
auf diesem ist er des Erfolgs gewiß. Es ist das Wiedcr-
gebcn der freie» Handzeichnung, namentlich der Feder-
zeichnung, worauf er vorzugsweise hingewiesen ist; hier
kann ec alle Freiheit, Leichtigkeit, Zartheit und Kraft
entwickeln, und die Erfindung des Zeichners in ihrem
Geist und ihrer Originalität reproducircn. Die Engländer
waren, so viel mir bekannt, die Ersten, welche diese rich-
tige Bahn einschlugen; Andere sind ihnen gefolgt. Die
Alfred Reumont: Das Formschnittwesen in unsern Tagen
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