Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 20.1839

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81.

Knnst-Plalt.

Dienstag, den 8. Oktober 1839.

Stuttgart.

(Fortsetzung.)

Landschaften hatten wir überwiegend viele und
darunter sehr gute. Bayer in Heilbronn, V raun-
gart in Eßlingen hallen sich an ihre Nähe. Lezterer
hätte unter andern Umständen durch die Leichtigkeit seiner
Bäume, die Duftigkeit seiner Fernen wohl bedeutend
werden können. — Büttgen dahier ist es wirklich ge-
worden. Er liebt das Wildromantische: Gletscher, Alp-
seen, gigantische Felsen, Höhlen, Winterscenen re. Eine
treue Natnrbcobachtung und die gewandteste Technik
kommen ihm zu statten. — Emminger von Biberach
hat in zwei Donaugegenden einen frühern, liefern, an-
muthigcn Ton der Landschaften getroffen. — Föhr von
hier strebt in seinen Landschaften, und so auch in dem
ausgestellten «Abend am Walenfladtersee« weniger nach
Porträtähnlichkcit und nach Genauigkeit der örtlichen

Details, als nach einem Totaleindruck der Beleuchtung,
welche freilich die Vlüthc der Landschaftmalerei, aber auch
das schwerst zu Erringende ist, was bei den großen Mei-
stern aus einer leise, aber sicher, durch alle Gründe und
Massen des ganzen Tableaus hindnrchgcführtcn Lichtskala
erwuchs. — Heinz mann in München hat, besonders
auch als Porzcllanmalcr, in Bayern einen so wohlbegrün-
deten Oiuf, daß man von ihm nur Gelungenes erwartet.
Sein «Hinterste- und „Schloß Aschau« sind von unserm
Besten. — Louis Mavcr von hier hat in seinem
«Subiaco« eines seiner gelungensten Werke gegeben. Ist
auch die Ocrtlichkeit genannt, so bleibt doch gewiß immer
die Hauptanordnung, die Abwägung der Gründe und
Massen, die Struktur des Vorgrundes. die Staffage, die
Beleuchtung, die ganze Betonung ein Werk und Verdienst
des Malers, und dieses Alles wird man an dem kräftig
gehaltenen Bilde loben müssen. — Mali schien anfangs
wie zum Theatermaler bestimmt. Er malt erstaunlich
viel, aber leider nicht um der Natur täglich näher zu

kommen. Manche junge Talente klagen über Mangel an
Aufmunterung, Unterstützung, und doch wären ihnen
diese ohne Zweifel geworden, wenn sie nicht schon frühe
von der Natur ab - und in Manier verfallen wären. —
Von dem längst verstorbenen Maler Müller ans Riga,
war ein „Reichenbach,« Wasserfall in der Schweiz, als
Fragment hinterlassen worden, dessen sich endlich Dörr
in Heilbronn annahm und ihn so vollendete, daß man
ihn unter Müller's, oder eigentlicher unter seine eigenen
besten Bilder zählen kann, wie er sich denn seinem ans-
gcstellten „Lauterthal« und „Via mala" würdig beigesellte.
— Emilie v. Rein deck, talentvolle, gemüthliche Di-
lettantin, gab drei kleinere Landschaften. — Rist in
Augsburg schuf in seinem „Hohlweg im Römischen« eine
cnggeschloffene Felsennatur mit Dämmerlicht, die seinem
köstlichen Studium aus dem »Prater» (im Privatbesitz,
aber galcriewürdig) nicht Nachsicht. Man will wissen,
daß dieser bedeutende Künstler in trüben Stunden an
seinem Vermögen verzweifle, die Natur zu erreichen.
Wir sahen auch früher wirklich Bilder von der Küsten-
gcgend Mittel-Italiens, die ein solches wühlendes, über-
triebenes Streben nach Naturtreue verriethen. Man sah
Spuren von Griffel, mechanische Höhen und Tiefen,
wie man wohl ehedem bei Porträts Wangen, Stirne
und Kinn von hinten hinausgedrückt hat. Uns scheint,
vertrauter Umgang mit den klassischen Landschaftsmalern
einer Galerie könnte dieses trostlose Bemühen mäßigen.
Trotz dem ewigen Rath: Ahmet die Natur nach! —
kann man doch andererseits wieder hinzusügcn: Ihr werdet
sie aber im Ganzen und Einzelnen ganz unnachahmlich
finden, und froh seyn müssen, wenn Ihr unserer Ima-
gination ein angenehmes Blendwerk vorzumachcn lernt.

Gälten solche Skrupel in der nachahmendcn Kunst,
müßte sie die Natur im Spiegelbilde wiedcrgcben, so
hätte Herr Prof. Steinkopf sich die größten machen
müssen, denn er wagte es, den Frühling zu malen. Das
ist vielleicht noch nie geschehen, so nahe es zu liegen
scheint. Denn das «Wiederaufwachen der Natur« dünkt
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