Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 20.1839

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dcs Bildes aus einem Kloster des ersten beider Orden
schließen.

Diese zusammenhängenden Bilder der Mitte sind
von zwölf Figuren umgeben, theils Propheten, theils
jüdische Könige, sämmtlich halbe Figuren, einzeln aus
dem Goldgründe hervvrtretcnd, in regelmäßiger Vierung,
also zwischen den vier Eckgestalten auf jeder Seite zwei.
Jeder von ihnen hält einen Spruchzettel mit einer Bibel-
stelle, und zwar stets einer solchen, welche sich auf eins
der zunächst liegenden thierischen oder alttcstamentarischcn
Symbole bezieht, ohne daß diese Ordnung aber ganz re-
gelmäßig gehalten wäre. Die Anführung dieser meist-
bckannten Stellen scheint nicht von Interesse.

Die Flügeltafeln enthalten endlich, die eine den heil.
Augustinus, die andere den h. Hieronymus, in ganzer
Figur und von der Größe des ganzen Bildes. Jedem
ist eine Stelle aus ihren Werken beigeschrieben, in welcher
wiederum das erwähnte Mysterium besprochen ist. (Au-
gustinus: Egredietur rex ex intim» vcntre tuo . et vir-
ginitatem tuain non faciet violari. Jeronimus: Fecun-
ditas integritatis Marie lange gloriosior est quam vir-
ginitas.) Die Außenseite der Flügel zeigen den h. Jo-
hannes Evang. und den h. Paulus, ohne Inschriften.

Man sieht, das ganze innere Gemälde ist gleichsam
eine künstlerische Streitschrift, mit Citaten wohlbelcgt.
In immer weitern Kreisen zeugen und deuten auf jenes
Mysterium erst die Natur, dann die (alttestamentarische)
Geschichte, darauf die Propheten, endlich am Bestimmte-
sten und Deutlichsten die Kirche durch ihre großen Dok-
toren. Eine Unterschrift am Stande des Bildes resümirt
den Gegenstand: Hane per iiguram noscas castam ge-
nituram.

Ungeachtet der etwas bunten Zusammensetzung der
Gegenstände macht daS Ganze durch die symmetrische
Anordnung und durch den leuchtend vorherrschenden Gold-
grund eine harmonische Wirkung. Die Darstellung ist
oft sehr naiv. Der Kopf des Moses zum Beispiel, welcher
den Widerschein der Flamme des Busches tragen soll, ist
an den «ordern Theilcn fast dunkclroth, an den entfern-
teren golden gehalten. Doch kann es auch seyn, daß
hier mildernde Lasuren verschwunden sind, da man auch
an andern Stellen deutlich erkennt, daß die Farbe auf
den Goldgrund aufgetragen ist, welches ihr einen leben-
digen und warmen Glanz verleiht.

Bejitzer des Bildes ist der Herr Oberprokurator Bessel
zu Cleve.

Altdeutsche Daukunsl.

Alterthümer und Kunstdenkmale dcs Er-
lauchten Hauses Hohenzollern. Her-
ausgegeben von Rudolph Freiherrn von
S t i l l fr i e d. Stuttgart und Tübingen. Verlag
der I. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1838.
(Groß Folio.)

Unter dem vorstehenden Titel ist neuerlich das erste
Heft eines Werkes erschienen, dessen vorzüglichstes Inter-
esse zwar ein allgemein historisches ist, das indeß durch
die Pracht und den Geschmack seiner Ausstattung, mehr
noch durch einen Thcil der Gegenstände, welche es dem
Beschauer vorführt, auch die nähere Aufmerksamkeit des
Kunstfreundes in Anspruch nimmt. Der Herausgeber
stellte sich die Aufgabe, „dem Geschichtsfreunde, dem Al-
terthumsfreunde und dem Kunstfreunde gleicheTheilnahme
einznflößensein Werk soll »eine Galerie bilden, in
welcher das Auge, neben den Abbildungen von Urkunden,
auch die Abbildungen anderer geschichtlich bedeutungsvoller
Alterthümer findet, von den ehrwürdigen, großen Denk-
malen der Baukunst und den gewaltigen Schutz - und
Trutzwerkzeugen früherer, stärkerer Generationen bis herab
zu den kleinen Bildwerken der Siegel und Münzen."

Das vorliegende erste Heft enthält sedis große litho-
graphirte, zum Theil kolorirte Blätter, nebst dazu gehö-
rigem, historisch erläuterndem Terte. In den lezteren
sind mehrere vortreffliche Nadirungen von kleinerer Di-
mension eingedruckt.

Die beide» ersten Blätter enthalten Facsimile's von
Urkunden, durch welche die altüberlieferte Sage, daß das
brandenburgisch-preußische Rcgeutenhans aus dem Ge-
schlechts der Hohenzollern stamme, zum ersten Mal aus
nähere, historischgültige Beweise zurückgeführt wird. Die
folgenden Blätter sind der Münstcrkirche des Klosters
Heilsbronn in Franken, zwischen Anspach und Nürnberg,
gewidmet, welche längere Zeit hindurch förmlich als Bc-
gräbnißkirche des Hauses Hohenzollern gedient bat, und
noch gegenwärtig viele Denkmale von nnrnbergischcn Burg-
grafen , brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten
aus dem ebengenanuteu Hause, so wie von Mitgliedern
ihrer Familie in sich einschließt. Es werden von dieser
Kirche der Grundriß, eine innere und eine äußere Ansicht,
ein großes Fenster mit Glasmalereien und einige archi-
tektonische Details mitgetheilt.

Die Kirche erscheint in ihrer ursprünglichen Anlage
als eine Basilika im byzantinischen Style, mit eine»»
Querschiff, das Hauptschiff durch Säulenstellungen mit
Würfelkapitellen und Halbkreisbogen gebildet, und mit
flacher Decke versehen. (Die Säuleiistellungeu sind nicht,
wie eS in den Basiliken anderer Gegenden häufig vorkommt.
F. Kugler: Altdeutsche Baukunst. Rudolph Freiherr von Stillfried, Alterthümer und Kunstdenkmale des erlauchten Hauses Hohenzollern. Stuttgart und Tübingen. 1838
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