Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
42

für die ganze bauliche und Geräthe bildende Thätigkeit
eines Kunstvolks, und das Bedürfniß wird um so drin-
gender, je mehr wir uns davon überzeugen, was gerade
ein Hauptzweck dieser Forschungen ist, daß alle Gebäude,
Gefäße, Geräthe der griechischen Antike aus einem und
demselben Formcnsinne, nach denselben Gesetzen hervor-
gegangen sind; denn je begabter ein Volk ist, desto mehr
gelingt cs ihm, auch dem kleinsten Gefäße eine Kunst-
fvrm abzugewinnen, oder vielmehr, Alles gestaltet sieh
unter seinen Händen zur Kunstschönheit. Bötticher saßt
den Namen Tektonik noch schärfer als Müller, dem
Handwerke gegenüber; für ihn beginnt sie erst in dem
Momente, da der bauende und formbildende Künstler
über die bloße Erledigung des rohen Bedürfnisses hin-
ausgeht und seiner Aufgabe eine höhere, so zu sagen,
ethische Bedeutung abzugewinnen und das Gepräge der
Kunst zu verleihen weiß. Wie schwer hier die Gränze
zu ziehen sey, braucht kaum gezeigt zu werden. Na-
mentlich bei den untergeordneten tektonischen Bildungen,
deren ansprechende unverkennbare Schönheit aber darin
zu beruhen scheint, daß der Zweckbegriff in der angemes-
sensten Form verwirklicht wird, so daß von einem Hin-
ausgehen über daS Bedürfniß kaum die Rede seyn kann,
und das einfach Praktische mit denn Schönen eben so
zusammcnfällt, wie das Unpraktische mit dem Unschönen.
Je großartiger die Ranmbildungen, desto mehr treten
beide Momente aus einander, und bei der höchsten
tektonischen Form, dem Tempel, wie weit geht da'die
Kunst über das erste Bedürfniß des CultuS hinaus?

Der Inhalt unseres Buches ist mannigfach gegliedert.
Vorwort, Einleitung 1—87, dorischer Bau 87 — 205,
sechs Erkurse 1 —104. Die Einleitung ist das älteste
Stück, der eigentliche Ausgangspunkt der Bötticher'schen
Forschungen; es ist der Versuch, die baulichen Glieder
sowie die andern Bildungen begrifflich aufzufassen, der
Versuch einer philosophischen Formlehre, begleitet von
14 erklärenden Knpfertafeln, welche in einer durchaus
neuen und reichen Zusammenstellung die aus einander
hervorwachsenden Formen der griechischen Kunst dar-
stellen. Hier kommen die wichtigsten tektonischen Symbole
zugleich mit ihren alten Bezeichnungen zur Sprache.
Dann folgt die eigentliche Entwicklung des dorischen
Baues und zwar die Restitution seines ursprünglichen,
wie die Behandlung seines in Monumenten bezeugten
Schemas, vom Grundplane an bis zum kleinsten der
Theile, welche als Glieder oder Ornamente dem Baue
angehören. Diese ganze Entwicklung ordnet sich nach drei
Gesichtspunkten; erst wird das Mechanische abgehandelt,

Stellmacher bis zu dem ersten Marmorarbeiter am Tcmpel-
bau. So erscheint der Name Tektonik wenigstens nicht zu
eng für daS Bedürfnis der Wissenschaft.

dann das Dekorative, endlich (in Noten) die literarischen
Belege, wo mit großem Fleiße eine Anzahl wenig be-
achteter oder unverständlicher Stellen ans den alten
Lerikographen, aus den Scholien, den Anekdotis von
Becker, Bachmann u. s. w. zusammengetragen und eine
Wiederherstellung der alten Terminologie vorbereitet ist.
Hier ist der Theil, wo zunächst die Philologen diesen
Forschungen sich anzuschließen haben, und ich bin über-
zeugt, daß die Sicherung und Deutung dieser Nomen-
klatur ein dankbareres und erfolglicheres Unternehmen
seyn wird, als die mit so viel Mühe versuchte Fest-
stellung der alten Gefäßnamen.

Bei Ausarbeitung dieses Haupt- und, Kernstückes,
das von 7 Kupfertafeln begleitet ist, fühlte der Ver-
fasser die Nothwendigkeit, manches in Bezug auf den
dorischen Bau Angewandte in größerer Allgemeinheit
nachzuweisen. So entstand eine Reihe von 0 Abhand-
lungen, die aus dem Hauptstücke hervorgegangen sind,
Ausführungen dort angedeuteter Gedanken und ange-
wandter Gesetze; das sind die sechs Erkurse, die dem
Buche beigegeben sind.

Dies ist, äußerlich betrachtet, der wesentliche Inhalt
des Werkes. Von dem Versuche, die tektonischen For-
men nach ihrem Begriffe aufzufassen, ausgehend, ist der
Verfasser vom Geiste einer hingebenden Forschung immer
tiefer in die alte Kunst hineingezogen worden und hat
nicht eher geruht, bis er das ganze Material der helle-
nischen und zunächst der dorischen Baukunst in Monu-
menten und zerstreuten literarischen Ueberlieferungen
durchdrungen und bewältigt hat. Ich will nun ver-
suchen, abgesehen von jener äußern Gliederung des
Buches, die Hauptgedanken hervorzuheben, welche mir
als die fruchtbarsten erscheinen, ohne irgend einen An-
spruch auf erschöpfende Behandlung zu machen.

Betrachten wir den. hellenischen Ban im Verhältniß
zu den andern Baustylen — da ist freilich unendlich
viel darüber hin und her geschrieben und geredet worden,
wie der Geist der verschiedenen Zeiten, Völker und Re-
ligionen in seinen Bauformen sich abspiegle. Man hat
den Gegenstand nur gleich zu transscendental aufgcfaßt,
während sich in der Statik des Baues die unterschei-
denden Momente finden. Gehen wir aus von der un-
tersten Stufe einer künstlichen Raumbildnng, den Fel-
senhöhlungcn, welche ganz an die Zufälligkeit des ge-
wachsenen Steines gebunden sind, — da ist noch kein
Organismus, kein statisches Gesetz der Form. Erst wie
Decke und Dach hinzutritt als etwas Besonderes, und
damit der Gegensatz des Tragenden und Getragenen er-
weckt wird, da beginnt mit der gegenseitigen Spannung
eine Gliederung und ein Gesetz des Baues. Diese Decke
nun kann monolith seyn, d. h. sie ist entweder ohne
i alle innere Gliederung ein deckelartig Aufgesetztes, oder
Index
There is no information available here for this page.

Temporarily hide column
 
Annotationen