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2V 7i.

Kunstblatt.

Donnerstag, den 4. September 1845.

Ueber den Pauperismus

auch in der Kunst.

Es ist ein eigenes Schauspiel, wie unsere Zeit, mit-
ten in dem Hasten und Drängen nach persönlicher Gel-
tendmachung und nach raschem Gewinn, sich plötzlich
von einem scharfen Weh durchzuckt fühlt, wie ste, einen
Augenblick wenigstens, still steht und um sich schaut und
nach Heilmitteln für jenes Leiden hascht. Die Noth,
von der man es gewohnt war, daß sie leise redete und
sich scheu zurückgezogen hielt, ist auf den offenen Markt
hervorgetreten und hat ihre Stimme laut erhoben; sie
will auch ihren Theil vom Leben; sie fordert cs um so
dringender und ungestümer, je glänzender der Zug all
der Glücksritter an ihr vorüber rauscht. Man hat das
Symptom einer drohenden Gefahr erkannt. Wohlthä-
tigkeits- und Hülfs- und Befferungsvereine entstehen
aller Orten; Unterstützungen an Geld und Arbeit wer-
den gesammelt, Sparkassen und Prämienkaffen errichtet.
Man mochte die Wunden zunähen, che die Glieder ganz
von einander fallen; aber (und freilich ist auch das
schon genug ausgesprochen) die Mittel von außen wer-
ben nichts nutzen, so lange man nicht den innern Keim
des Uebels erfaßt hat.

Auch die Künstlerwelt hat dieser allgemeine Schreck
ergriffen. Auch hier entfaltet sich plötzlich das Bild be-
klemmender, peinlicher, düster drohender Zustände. Es
sind mehr der Producenten vorhanden als der Abnehmer;
der Bildermarkt ist überfüllt, und nur zu häufig kehren
die Arbeiten, die man hoffnungsvoll zur Reise durch
die Kunstausstellungen hingab, in das leere Haus des
Künstlers zurück. Die Kunstvereine haben eine Masse
von Künstlern geschaffen, die ihr Geschäft frischweg auf
eigene Rechnung gründeten: dem Privatbedarf an Bil-
dern, je nach dem Geschmack daran und nach den vor-
handenen Mitteln zu ihrer Erwerbung, ist jetzt zum
größeren Theil sein Genüge gethan. Manches Umfas-
sende für die Kunst ist durch das Interesse und die

Liebhaberei einzelner Hochstehender veranlaßt; mit Sorge
muß man des Tages gedenken, wo der eine oder der
andere unter den Mäcenaten vom Schauplatz seiner Thä-
tigkeit abgerufen wird. Einzelne geniale Meister, ein-
zelne verzogne Lieblinge der Zeit sieht man allerdings
von den Geschenken der Glücksgöttin überschüttet; in
die Thür Anderer ist es oft nicht gar erfreulich hinein
zu schauen. Bunte Bilder und glänzende Rahmen zei-
gen uns unsere Ausstellungen; könnten sie uns die Ge-
schichte ihrer Entstehung erzählen, sie würden uns man-
ches Mal minder bunt bedünken. Man muß Künstler
in Arbeit und Noth haben hinsiecheu und Hinsterben
sehen, um das Alles in seiner nackten Wahrheit em-
pfinden zu können. Es ist dies zwar nicht eben ein Zu-
stand, den die Welt erst heute kennen lernt; Künstlers
Erdenwallcn ist ein altes Kapitel. Aber so ausgebreitet,
so häufig und wegen dieser einfachen Wiederholung so
schmerzlich wie heut ist dieser Zustand vielleicht noch
nicht dagewescn.

Auch in der Künstlerwelt treibt die allgemeine Noth
zur nächsten Abwehr, zur Bildung von Unterstützungs-
vereinen, wie deren in jüngster Zeit mehrere und an
verschiedenen Orten, in Deutschland und außerhalb
Deutschlands, entstanden sind. Man sammelt durch
festgesetzte Beiträge und durch den Ertrag künstlerischer,
für die Zwecke des Vereins unternommenen Arbeiten
Gelder, um damit dem vorzüglichst Bedürftigen unter
den Genossen beispringen zu können; man forscht nach,
wo einem der Genossen die bittre Sorge um seine und
der Seinen Eristenz am Herzen nagt und doch vielleicht
ein edler Stolz ihn das auszusprechen hindert; man
reicht ihm gern die Gabe mit verschwiegener Hand, ihm
wenigstens einen Theil seiner Freudigkeit am Schaffen
zurück zu geben. Das Bestreben ist schön, ist alles Bei-
falls würdig; aber all die einzelne, augenblickliche Hülfe
wird den bedrohlichen Zustand des Ganzen auf keine
Weise abwehren können. Dazu bedarf es anderer Maß-
regeln.
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