Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

Page: 2
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lindau1883/0020
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
2

Lrstes Kapitel.

lichkeit erwarb, das einen der schönsten Züge seines an Verdiensten und
Anerkennungen reichen Lebens bildet.

Lucas Cranach war sein eigner Ahne. Alle Bemühungen über seine
Abstammung und Familie, über die Mittel und Wege seiner Entwickelung
als Künstler bestimmten Aufschluß zu erhalten, sind bis auf unbedeutende
Ersolge vergeblich gewesen. Er tritt uns in der Zeit, wo wir seine
Lebensgeschichte beginnen tönnen, schon als ein in seiner Art fertiger
Künstler entgegen, ohne daß wir mit Bestimmtheit erfahren, wie und wo
er seine Kunst erlernt hatte, und wenn wir seine Werke betrachten, müssen
wir gestehen, daß sich in ihnen nur schwer ein anderer wesentlicher Einfluß
nachweisen läßt, als der des eignen selbständigen Genius. Sie haben so
zu sagen alle Reize und Vorzüge, aber auch alle Mängel einer vorzugs-
weise aus sich selber schöpsenden und schasfenden Begabung. Sie sprechen
zu uns wie die Lieder eines Volks- oder Natnrdichters, in welchen die
Wahrheit oder Naivetät des Gedankens nicht darum bekümmert ist, ob sein
frischer Springquell in das Marmorbecken tunstgerechter Form oder in
eine Schale fällt, die er sich selbst gewählt und gebildet hat. Jn dem-
selben Charatter wie als Künstler tritt er uns auch als Mensch entgegen —
beide zusammenstimmend in dem schönen Grundton deutscher Natur —
wahr, treu, echt und schlicht, „freundlich, gesprächig, freigebig, leutselig
und gefällig", wie ihn sein Freund und Zeitgenosse vr. Christoph Scheurl
nennt, und gerade seine Entwickelung und Bewährung in diesen ihn als
Mensch und Bürger schmückenden Tugenden steht uns auf seinem mitten
durch eine schwere kampfreiche Zeit führenden Lebenspfade in um so
hellerem Lichte vor Augen.

Als im Jahre 1555—56 die ehemals gothischen Spitzthürme der
uralten Marien- oder Stadtkirche zu Wittenberg, die 1546 wahrscheinlich
ihrer Baufälligkeit wegen abgetragen werden mußten, in ihrer nachherigen
Gestalt wieder hergestellt und mit den kupfernen Knöpfen versehen wurden,
ward auf Veranlassung angesehener Bürger der Stadt eine lateinische
Pergamentschrist in den Knopf gelegt, die nichts weiter enthielt als eine
kurze Lebensgeschichte des Lucas Cranach nebst einigen genealogischen
Notizen, welchen Lucas Cranach, der Sohn, der damals Senator zu
Wittenberg war, nur noch die Bildnisse einiger sächsischer Herzöge, sowie
auch Lnther's und Melanchthoiüs anfügte. Die Wittenberger Thurmknops-
einlage, von welcher man bei einer späteren Reparatur eine Abschrift
nahm, die im Wittenberger Rathsarchiv verwahrt wird, beweist nicht
bloß durch ihren Cranacksts Verdienste hocherhebenden Jnhalt, sondern
auch durch den Ort, wo sie verwahrt wurde, und ihre Vereinigung mit
loading ...