Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

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Aweiter Abschnitt. Lrstes Rapitel.

Aufgabe am nächsten gestanden hätte. Wenn er mit 56 Jahren wirklich
zu alt war, dieser Aufgabe und seiner Stellung gerecht zu werden,
so war er jedenfalls nur in den Verhältnissen des Mittelalters zu alt
geworden. Er dachte einestheils nicht groß genug von sich selber, andern-
theils erkannte er nicht die neue ungeheure Gewalt, die in der wach-
gerufenen immer mächtiger sich entwickelnden öffentlichen Meinung einem
sie erkennenden Kaiser helfender und siegreicher zur Seite gestanden haben
würde, als jede andere Macht über Länder und Krieger, eine Gewalt,
die vorzugsweise auf kirchlichem Boden erwachsen, auch auf politischem
Gebiete Großes zu bewirken im Stande war. Großartig und unüber-
sehbar müßten sich für die Reformation die Aussichten gestaltet haben,
wenn Friedrich mit diefem mächtigen neuen Factor zu rechnen verstanden
und die Wahl angenommen hätte. Statt dessen drängte er, wenn auch
absichtslos, die Elemente, die geeignet waren, eine einige deutsche Kirche
und einen einigen dentschen Staat zu bilden, in einen ausreibenden Kamps
mit einem den Bedürfnissen des deutschen Gemüthes fremden Reichsober-
haupt, ja nntergrub die Machtstelluug seines eigenen Hauses, bis zwei
Decennien später der thatkrüftige albertinische Neffe mit dem zweischneidigen
und zweideutigen Schwerte in der Hand zn erringen suchte, was dem
ernestinischen Oheim als reife Frucht in den Schooß gesallen würe. Die
Freundschaft Karls V., die er sich durch sein Benehmen bei der Kaiser-
wahl erwarb, war nur ein illusorischer flüchtiger Ersatz für den Verlust,
der durch die Wahl selber dem dentschen Vaterlande nnd dem sächsischen
Hause erwuchs. Sie fiel wie die in Aussicht gestellte Vermühlung der
Schwester des Kaisers mit Friedrich's Nefsen, Johann Friedrich, in die
Kategorie jener Versprechen, welche man einem Ketzer nicht halten zu branchen
glaubte. Hätte Churfürst Friedrich bei der Heimkehr von Frankfurt in
seinem geliebten Lochau wieder eines seiner prophetischen Gesichte haben
können, so hätte es ihm zeigen müssen, wie achtundzwanzig Jahre spüter
der „Geier" seine Klauen in das Herz des ernestinischen Hauses schlug.
Der gelehrte Erasmus von Rotterdam stand mit seiner Anschauung, mit
dem leisen Auftreten des klugen Weltmannes, dem deutschen Geiste und
Bedürfnisse auf dem Gebiete des Reichs wie der Kirche mcht nahe genug,
als daß sein Aussprnch, „Friedrich von Sachsen habe durch Ablehnung
der Krone größeres Lob erworben, als andere durch die Bewerbung um
dieselbe," für die Nachwelt als das entscheidende Wort einer Auctorität gelten
könnte. Es war derselbe Mann, der den Herzog Georg von Sachsen in
der Meinung bestärkte, daß eine Verbesserung der Kirche ohne Einmischung
des Volkes, von der Kirche selber ausgehen müsse, nnd dadurch jene un-
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