Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

Page: 287
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Das witteiiberger Rathscollegium. Lranach Bürgermeister.

287 .

seiner Spitze, die sich, wie der mehrfach erwühnte nachherige churfürstliche
Kanzler vr. Christian Baier, der das Wittenberger Bürgermeisteramt von
1513—1526 bekleidete, und der bekannte Or. Benedict Pauli, der als
Cranach's nächster Vorgünger von 1529—1536 Bürgermeister und zugleich
Reotor lliao'msiou8 der Universität war, auch in anderer Beziehung und
auf wichtigeren und weiteren Gebieten einen hochgeachteten Namen erworben
haben, so daß wir in der Wahl Cranaclsts zu diefem Amte ein vollgültiges
Zengniß nicht bloß seiner bürgerlichen, sondern auch seiner geistigen Be-
deutung erkennen dürfen. Die eigentliche Verfassung dieses Collegii war
schon seit dem Jahre 1494 von der Art, daß es aus drei besonderen
Räthen bestand, deren Zahl zusammen vierundzwanzig betrug, die alle drei
Jahre mit einander in der Regierung wechselten, daher man drei Bürger-
meister, drei Stadtrichter und achtzehn Rathmänner oder Rathsherren ohne
die Rathsbeamten zühlte. Diese Einrichtung bestand bis 1536, wo durch
landesobrigkeitliche Verordnung die Zahl der Rathsglieder verringert und
das Collegium in zwei Mittel getheilt wurde!, daher man später nur zwei
Bürgermeister hatte, welche ein Jahr um's andere die Regierung über-
nahmen? Das Wittenberger Rathhaus, obgleich im Laufe der Zeit durch
Neubauten, namentlich 1571 durch Churfürst August vielfach veründert,
birgt in der großen Raths- oder Sessivnsstnbe noch immer in frischen
Farben das treue Andenken an den Namen des Mannes, der in der Zeit,
wo die Stadt gewissermaßen der Mittelpunkt des geistigen Lebens des
deutschen Volkes war, als einer der würdigsten und tüchtigsten ihrer Bürger-
schaft, in diesen Räumen mit seinem hellen Auge und seinem kernigen und
erprobten Verstand und Wort die Lehre vertrat, die „in zwar einfültigen
Reimen, aber wohlgemeinten Worten" hier mit goldenen Bnchstaben auf
einem Täflein geschrieben stand:

„Gleich und Recht theil mit männiglich

llnd nicht nach Gunst dein Urtheil sprich,

Den Armen hör', sein Noth betracht,

Wirst's bey Gott und der Welt geacht,

Denn wo du hälst unrecht Gericht,

Wird dir's Gott wieder schenken nicht."^

Man sollte glauben, daß Cranach bei den mannigfachen Geschäften, welche
ihm dieses neue Amt nnzweifelhaft auferlegte, bei dem iast ununterbrochenen

^ Vergl. Kettner's Wittenberger Rathscollegium, und Meyner's'Geschichte der
Stadt Wittenberg, S. 19. Doch scheint es, daß die Thcilung des Collegii in nur zwei
Mittel bereits schon früher bestanden habe.

^ Vergl. S. 107.
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