Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

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Das Deckengemälde in Lranach's Hause.

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nehmen," erzählt Aurifaberck „Vor solches machte Luther eine Vorrede und
entwars des Buches Jnhalt durch ein Gemälde. Denn es stunden einige
Cardinäle um den Pabst, der auf einem hohen Throne saß, die mit Fuchs-
schwanzen, welche an lange Stangen gebunden, als mit Besen, alles oben
und unten ausfegeten." Man erinnert sich bei diesem „Entwurfe" Luther's
an Melanchthon's Worte in einem seiner Briefe an Johann Stigel (vom
20. September 1544, s. weiter unten), worin er die Kunstfertigkeit hervor-
hebt, womit Cranach die nur in den üußersten Umrissen angedeuteten Bilder-
entwürfe auszuführen verstand, die ihm Melanchthon zuweilen für die
Bibeln zu übergeben pflegte.

Aber nicht bloß für die klinstlerische Ausschmückung der churfürstlichen
Schlösser war Cranach's Thätigkeit, wie wir gesehen haben, in Anspruch
genommen, auch dem eigenen stattlichen Hause, den Räumen, wo die bedeu-
tendsten Persönlichkeiten seiner Zeit verkehrten, suchte er eine, diesem Verkehr
und seiner Bedeutung, sowie dem eigenen Namen und Berufe entsprechende
Ausschmückung zu geben. Die Geschichte des Cranach'schen Hauses, das nachdem
es im Laufe der Zeit und namentlich vor ungeführ 160 Jahren dnrch seinen
damaligen Besitzer vr. Wernsdorf mannigfachen Wandelungen unterworfen
gewesen, in neuester Zeit (am 26. September 1871) zum Theil ein Raub
der Flammen geworden ist, erzählt uns von einem, von Cranach'scher Hand
ansgeführten Deckengemälde, welches vor längerer Zeit, bei einer noch-
maligen Erweiterung und Umgestaltung des alterthümlichen Gebäudes, ab-
genommen ward, nachdem es der Zahn der Zeit schon meistens zerstört hatte.
Nachdem in Folge des oben erwähnten traurigen Ereignisses das vielleicht
gänzliche Verschwinden des altehrwürdigen Hauses zu befürchten steht, ist
es um so mehr gerechtfertigt, das Bild seiner ehemaligen Beschaffenheit mit
Hilfe der vorhandenen ülteren Schilderungen lebendig zu erhalten? Wir

^ A.urifaber's Erzählung re.; Walch, Bd. XXI, Nachlese, S. 95; Benj.
Lindner: Leben Lutheri, III, S. 113.

^ Jn Bezug auf die Zerslörung des Cranach'schen Hanses anr 26. Sept. 1871
schreibt die Magdeburger Zeitung vorn 29. Sept. aus Wittenberg: „Die als ehemaliges
Wohnhaus der beiden Altmeister Cranach und des nicht minder berühmten
Rechtslehrcrs Augustin von Leyser zu den Sehenswürdigkeiten unserer Stadt gehörige,
an der Markt- und Elbgassenecke gelegene Apotheke ist durch eine Feuersbrunst erheblich
beschädigt worden. Gestern Nachmittag zwischen 4—5 Uhr brach plötzlich auf dem Boden
des Hauses Feuer aus, welches bald den Dachstuhl ergriff. Obschon Hilfe schnell bei
der Hand war, so gelang es doch nicht, den Brand im Entstehen zu dämpsen. Um
2üz Uhr Nachts ertönte sogar die Sturmglocke zum zweitenmal, da die Flammen aufs
neue drohend ausbrachen. Erst nach mehr als zwölsstündiger schwerer Arbeit wurde
dem Weitergreifen des Feuers im Gebäude Einhalt gethan. Wenn auch nur der
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